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Der Urwald Madakaskars wird vernichtet
01.07.2003


Rory Carroll

http://observer.guardian.co.uk/international/story/0,6903,987139,00.html







Eine vergessene Hungersnot reduziert einen der größten Vorräte der Artenvielfalt, die Regenwälder Madagaskars, zu Asche. Bauern, die von der Dürre auf der Insel im Indischen Ozean betroffen sind, verbrennen große Teile des Urwalds um Holzkohle zu erzeugen.

Bäume, die älter als das römische Reich sind gehen in Flammen auf und mit ihnen ein Ökosystem, das tausende von einzigartigen Pflanzen und Tierarten enthält - nur um einen Stamm in einen Sack voll Brennmaterial im Wert von 50 Cent zu verwandeln.

In einem Teufelskreis haben schlechte Mais-, Kartoffel- und Maniokernten im Süden und Osten Familien von ihren Feldern dazu getrieben, ihren Lebensunterhalt mit dem Wald zu verdienen, was den Boden weiter verschlechtert. Umweltexperten warnen, daß die Zerstörung Madagaskar in eine Mondlandschaft von Gebüsch und Sand verwandeln wird, was das biologische Erbe des Planeten reduziert und der Wissenschaft mögliche Behandlungen für Krankheiten vorenthält.

"Wenn es Dürre gibt ist ein Bauer gezwungen, sich in einen Waldarbeiter zu verwandeln, um Holzkohle zu machen. Er greift den Wald an, es ist der einzige Weg zu überleben" sagte Achilson Randrianjafizanaka, der Repräsentant des Welternährungsprogramms in Fort Dauphin, einer Stadt im Südosten. Die UN-Behörde schätzt, daß 300.000 Menschen dieses Jahr Lebensmittelhilfen benötigen werden.

Es ist eine humanitäre und ökologische Krise, die von der restlichen Welt nicht wahrgenommen wird. Die Zyklone, Fluten und politischen Unruhen dieser verarmten Insel werden von Krisen auf dem afrikanischen Kontinent, 400 Kilometer westlich, überschattet.

Azafady, eine Londoner Hilfsorganisation, die Erhaltung und Entwicklung in Madagaskar unterstützt, warnte letzte Woche, daß sie aufgrund mangelnder Spenden und Interesse "aus dem letzten Loch pfeift". Das könnte sich jetzt, wo zwei Geschichten, Hunger und Abholzung, zusammenstoßen.

In dem staubigen Gelände eines Ernährungszentrums der Regierung in Amboasary, einem Dorf bei der südlichen Spitze, saßen ein dutzend Mütter, die ihre Säuglinge, einige mit den Kugelbäuchen und dem gelblichen Haar der Unterernährung, stillten. Von den 109 Kindern, die seit der Eröffnung des Zentrums im März behandelt wurden, sind 12 gestorben.

Die 30-jährige Fanomeza, die wie viele Madegassen nur einen Namen trägt, kämpft, um ihre sieben Kinder am Leben zu halten, macht sich aber Sorgen um ihren 10 Monate alten Sohn Vatiasoa. Normalerweise baut die Familie so viel Mais und Süßkartoffeln an, daß sie den Überschuß verkaufen können, aber wenig Regen hat ihre Ernte einschrumpfen lassen.

Händler aus dem Norden beliefern die Märkte aber die Preise sind hoch. Fanomeza besaß nichts mehr, das sie in einem der ärmsten Gebiete in einem der ärmsten Länder verkaufen konnte und so gibt es nur eine Möglichkeit: Holzkohle.

Strom ist ein Luxusgut, das nur den wenigsten hier zur Verfügung steht, also braucht man zum Kochen und zum Heizen Feuer. Einige benutzen Holz, aber Holzkohle, leichter und länger brennend, wird bevorzugt. Jeder kann sie herstellen: man schichtet Holz in einer kleinen Grube auf, deckt es mit Stroh ab und verbrennt es langsam bei wenig Sauerstoffzufuhr. 100 Kilo Holz ergeben zwischen 5 und 8 Kilo Holzkohle.

"Mein Mann und andere Kinder sind jetzt im Busch und suchen nach Holz", sagte Fanomeza. Sie stellen bis zu 20 Säcke im Monat her - das entspricht 15 Bäumen. Die Familie verkauft an einen Zwischenhändler für 50 Cent pro Sack, wovon sie sich sechs Tassen Mais kaufen können. Fanomeza weiß, daß der Wald schnell kleiner wird. "Ich erinnere mich, als die Bäume direkt vor dem Dorf waren, jetzt muß man drei oder vier Stunden gehen, um einen geeigneten Stamm zu finden." Das Abhacken des Urwalds ist verboten, aber in entlegenen Gebieten gibt es keine Angst vor rechtlichen Folgen.

In anderen Teilen Madagaskars wird der Wald abgeholzt und verbrannt um Platz für Landwirtschaft zu machen, was den Boden schnell auslaugt und neues abholzen und verbrennen erfordert. "Sei es wegen Holzkohle oder wegen Landwirtschaft, was die Zerstörung antreibt ist Armut", sagte Frank Hawkins, technischer Direktor des Conservation International-Büros in der Hauptstadt Antananarivo.

"Wenn die Leute die Möglichkeit hätten, die Ressourcen des Waldes langfristig zu nutzen würde es ihnen wirtschaftlich wesentlich besser gehen - das versuchen wir zu erreichen."

Seit malaysisch-polynesische Seeleute vor 2.000 Jahren angekommen sind wurden 90 Prozent des Regenwaldes zerstört, was 60.000 Quadratkilometer hinterläßt. Arten wie das Zwergflußpferd, der große Lemur und der Aepyornis, der Elephantenvogel, sind ausgestorben als die Lebensräume kleiner wurden.

Der Verlust der Arten Madagaskar ist besonders schwerwiegend, weil die meisten sich entwickelt hatten, nachdem sich die Insel vor 165 Millionen Jahren vom afrikanischen Kontinent getrennt hatte und sie nirgends sonst zu finden sind. Initiativen haben versucht, die Abholzung zu verlangsamen. Einige, wie der Andrew Lees Trust waren teilweise erfolgreich. Die Stiftung hat 1.600 Bäume gepflanzt, Herde verteilt, die 50 Prozent weniger Holz verbrauchen als üblich und unterrichten Naturschutztechniken.

Eine neue Regierung angeführt von Präsident Marc Ravalomanana hat Hoffnungen auf besseren Umweltschutz geweckt, aber die schnell wachsende Bevölkerung von 17 Millionen Menschen ist ständig auf der Suche nach Brennstoffen und Ackerland.

Jetzt beschleunigt eine Dürre die Zerstörung. Zum ersten Mal seit 10 Jahren hat die UN letzte Woche riskiert, ein Schiff mit 2.800 Tonnen Lebensmitteln nach Fort Dauphin zu entsenden, einem gefährlichen natürlichen Hafen, dessen Brandung mit Schiffswracks übersät ist.

Spender, vorrangig die USA und die EU, haben 10.000 Tonnen zugesagt, aber das Welternährungsprogramm (WFP) sagt, daß fast das doppelte benötigt wird. In den nächsten Wochen wird die Winterernte eingefahren, das Ergebnis ist gering und wird vermutlich nur bis August reichen.

Aber die Sutuation ist nicht hoffnungslos. Ein Bericht des WWF sagte, daß madegassische Beamte, Anwohner und Nichtregierungsorganisationen alle Pläne hatten, die Wälder zu schützen. Bei Faux Cap im Osten pflanzen 300 Dorfbewohner Reihen grüner Sprosse in den weißen Sand um zu verhindern, daß die Dünen weiter ins Land getrieben werden. Bei einer Geschwindigkeit von bis zu 20 Metern im Monat könnten die Dünen die Entbindungsklinik begraben, wie sie es schon mit dem Polizeirevier getan haben.

Die durch das WFP unterstützte Initiative belohnt diejenigen, die gegen den Sand und den Wind kämpfen, mit Lebensmitteln. Die 29-jährige Mutter zweier Kinder Polcherie Hantarisoa schien optimistisch. "Auf diese Art habe ich jeden Tag etwas zu essen und kann vielleicht das Krankenhaus retten."




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