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"Ich bin eine Bestie und ich will ihn umbringen"
23.06.2003









Entgleisungen und Übergriffe passieren, gerade auch in einem Gebiet wie der Grenze zwischen Israel und den besetzten Gebieten. Das ist zwar nicht akzeptabel, angesichts der angespannten Lage aber zumindest menschlich verständlich. Wenn aber das Opfer und nicht der Täter verhaftet wird, ist dies sicherlich auch ein Indiz für das Verhalten der Soldaten bei militärischen Aktionen.

Am 18. Juni wurde die Gründerin des für den Friedensnobelpreis nominierten International Solidarity Movement (ISM), Huwaida Arraf, an dem israelischen Kontrollpunkt Huwarra nahe der Stadt Nablus verhaftet, weil sie sich für mehrere dort festgehaltene Männer einsetzte.

Gegenüber Freace.de berichtete Frau Arraf von den Geschehnissen an dem Tag.

Gegen 12:30 kam sie mit Rick, einem neuen amerikanischen Freiwilligen, auf ihrem Weg nach Nablus an dem Kontrollpunkt Huwarra an. Eine Schlange von ungefähr 70 Menschen wartete darauf, von drei israelischen Soldaten durchgelassen zu werden. Da sie sich in die kürzere Reihe der Frauen gestellt hatten, gestattete ein Soldat ihnen eine halbe Stunde später, zu passieren.

Als sie zu dem Soldaten kamen, der die Pässe kontrollierte, sahen sie eine Familie, einen Mann, eine Frau und zwei Kinder, die abseits standen. Die Soldaten wollten den Mann (einen Briten) anscheinend nicht durchlassen, da sie darauf bestanden, auch seinen palästinensischen Ausweis (zusätzlich zu seinem britischen Paß) zu sehen, von dem sie glaubten, er wolle ihn nur nicht zeigen.

Währenddessen fielen ihr zwei junge Palästinenser auf, die gefesselt an dem Kontrollposten hockten. Eine alte Frau flehte die israelischen Soldaten an, ihren Sohn gehenzulassen, er habe Rückenprobleme und sei auf dem Weg in Rafeedia Krankenhaus. Als Beleg zeigte dem Soldaten die Unterlagen und die Röntgenbilder ihres Sohnes, aber der Soldat war nicht interessiert und schrie sie an, daß sie gehen solle.

Frau Arraf fragte daraufhin den Soldaten, warum er die Frau anschrie und warum die Männer festgehalten würden, er wiederholte aber nur, daß es ihn nicht interessiere. Von den beiden Männern, Rashed und Ramsy, erfuhr sie dann, daß sie seit ungefähr drei Stunden dort festgehalten wurden nachdem ihre Ausweise eingezogen worden waren. Die Soldaten hatten ihnen keinen Grund genannt. Daraufhin rief sie bei HaMoked, einer israelischen Menschenrechtsorganisation, an, die sich häufig mit Beschwerden über derartige Vorfälle an die israelischen Behörden wendet, und gab ihnen die Namen der beiden Männer.

Sie und Rick entschieden sich dann, dort zu bleiben, bis HaMoked sich wieder meldete. Einer der beiden Männer, Ramsy, stand auf, um den beiden zu zeigen, daß seine Handschellen zu stramm waren, woraufhin sie versuchten, einen der Soldaten dazu zu bringen, sie etwas zu lockern, da die Gefahr bestand, daß die Durchblutung unterbrochen wurde. Der Soldat schrie Ramsy an, sich hinzuknien "oder sonst". Ein anderer Soldat, der sich selbst als Bestie bezeichnete, sagte "Ich will ihn heute umbringen." Dann forderten die Soldaten Arraf auf, das Gelände zu verlassen.

Dann kam ein junger Mann, Nael Suwaydi auf die Soldaten zu und bat sie, durchgelassen zu werden, da sein Vater letzte Nacht gestorben sei und er ihn noch ein letztes Mal sehen wolle. Der Soldat befahl ihm still zu sein und sich wieder anzustellen, Suwaydi beharrte jedoch darauf, woraufhin der Soldat ihn als "Hurensohn" bezeichnete und begann, ihn zu schubsen, was ihn aber auch nicht beirrte. Das Schubsen wurde härter als ein zweiter Soldat schreiend angelaufen kam und sein M16-Gewehr an den Kopf des Mannes hielt. Suwaydi wurde gepackt und weggezogen, während der Soldat immer noch schrie und drohte zu schießen. Nachdem er ebenfalls gefesselt wurde, sagten die Soldaten dem Mann, er "würde ein Gefängniszelle und nicht seinen Vater sehen", was zu einem weiteren Anruf bei HaMoked führte.

Die Soldaten forderten Arraf weiterhin auf, den Ort zu verlassen, da sie sie bei ihrer Arbeit behinderte, was diese ablehnte.

Gegen 15:30, nach weiterem Schubsen, Schreien, Lockern und Anziehen der Handschellen, wurde Ramsy (der kranke) freigelassen. Einer der Soldaten sagte weiterhin auf englisch zu den beiden Aktivisten: "Ich will ihn heute umbringen." Auf Arrafs Frage, warum er sich nicht klarmachen könne, daß sie alle menschliche Wesen seien, sagte er:

"Ich bin kein menschliches Wesen. Ich bin eine Bestie, ok, und ich will ihn umbringen."

Dann ging er zu Rashed und zog seine Handschellen an, bis es nicht mehr weiter ging. Als dieser protestierte, wurde er von dem Soldaten hinter den Posten geworfen und ihm wurde befohlen, sich hinzuknien, so daß er nicht zu sehen sei. Einige Male versuchte Rashed aufzustehen und rief "Meine Hände, meine Hände!", woraufhin Arraf wieder bei HaMoked anrief.

Seit der Festnahme Suwaydis waren keinen Menschen mehr erlaubt worden, den Kontrollposten zu passieren. Stattdessen hatte die "Bestie" begonnen, Dinge der Wartenden wie Fahrräder und Handwagen zu konfiszieren.

Nach einiger Zeit wurde Rashed freigelassen und nur Suwaydi wurde noch festgehalten, bis kurze Zeit später die "Bestie" hinter einem palästinensischen Mann herrannte, dem schon erlaubt worden war zu passieren, ihn fesselte und an den Ort brachte, wo Rashed noch Minuten zuvor war.

Die Soldaten waren wegen Arrafs Anwesenheit immer mehr verärgert und um 16:30 kam schließlich ein Polizeiwagen und sie wurde verhaftet.

Auf der Polizeistation wurde sie verhört, als sie sich weigerte, eine Aussage zu machen außer, daß sie nichts getan habe und nicht wisse, warum sie verhaftet worden sei, legte man ihr Hand- und Fußfesseln an und sagte ihr, daß sie über Nacht im Gefängnis bleiben würde. Die Nachricht über ihre Verhaftung begann sich nun zu verbreiten und Menschen begannen, sich für sie einzusetzen. Gegen 22:30 wurde sie unter der Bedingung, ihren Paß für sechs Tage auf dem Polizeirevier zu hinterlegen, freigelassen.

Rick wurde nach Arrafs Verhaftung erneut aufgefordert zu gehen und es schien ihm am vernünftigsten, dem nachzukommen.

Es ist allerdings bisher völlig unklar, was aus Nael Suwaydi geworden ist, der offensichtlich nicht freigelassen wurde. Seine Familie weiß nicht wo er sich aufhält und die israelischen Behörden haben bisher nicht auf Anfragen diesbezüglich reagiert. Frau Arraf zeigte sich deswegen sehr besorgt.




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