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Die Amerikaner kennen den Grund für den Haß nicht
07.06.2003


Dr. Fatma Al-Sayegh

http://www.gulf-news.com/Articles/opinion.asp?ArticleID=89461





Direkt nach der Tragödie des 11.9. begannen viele Amerikaner sich zu fragen "Warum hassen sie uns?", "Was ist falsch gelaufen?", "Warum haben die Terroristen uns von all den freien Nationen der Welt als Ziel für ihren Zorn und ihren Ärger ausgewählt?" "Warum sind unsere wirtschaftlichen und politischen Errungenschaften plötzlich unser Fluch?" und "Warum wird unsere Aufgabe, die Weltpolizei zu sein und kleinen Nationen zu helfen nicht gewürdigt?"

Diese und andere Fragen, jede mit ihrer eigenen Diagnose und entsprechendem Rezept, spiegeln das Unwissen des durchschnittlichen Amerikaners um die wahren Gründe für die Angriffe wider.

Das Ausmaß der Angriffe und die Verwüstung, die sie verursachten, ließen viele Amerikaner mit dem Gefühl zurück, sich in einem Kriegsgebiet zu befinden. Vor allem war es New York, die großartigste Stadt der Welt und Uncle Sams Augapfel, das angegriffen worden war.

Für die Mehrheit der Amerikaner konnten solche Dinge nur in Hollywoodfilmen, aber nicht im wirklichen Leben passieren. Deshalb war der Schock unvorstellbar. Der 11. September war eine nationale Tragödie, die den Verlust von 4.000 Leben, einen großen Schock und Zerstörungen verursachte. Trauer und Wut folgten, aber dann, ein plötzliches Erwachen.

Die Ereignisse des September brachten Amerika dazu, auf eine irrationale Weise zu reagieren, indem es einen internationalen Krieg gegen einen unbekannten Feind im Namen des Kampfes gegen den Terror führte. Das ganze amerikanische Konzept von Toleranz und Recht wurde zusammen mit den Zwillingstürmen zerstört.

Dieses Konzept wurde durch ein Dogma argwöhnischer, irrationaler Wut und Arroganz ersetzt. In ihrem verzweifelten Versuch, zu verstehen, warum sie sie hassen, folgten die Amerikaner einem irrationalem Weg.

Trotz der Verwüstung und der Zerstörung, die der 11. 9. verursachte, verstanden die Amerikaner die Botschaft nicht. Der Angriff hätte ihnen die Augen öffnen sollen. Tat er aber nicht. Anstatt eines "wie machen wir es besser" griffen die Amerikaner zu einer Politik des "wir machen es auf unsere Art".

Statt die Anschläge als eine Erinnerung an die Ungerechtigkeiten, die sie anderen Nation zufügen, zu sehen, griffen sie auf ihre historische einwärtsgekehrte Politik zurück.

Statt sich selbst und ihr politisches System mit den wahren Gründen der Anschläge zu konfrontieren beschuldigten sie andere. So ein Verhalten ist verständlich. Es ist eine menschliche Reaktion, wenn Dinge extrem falsch laufen und es keine vernünftige Erklärung dafür gibt.

Es ist für gewöhnlich einfacher und befriedigender und tröstender, andere für das eigene Unglück verantwortlich zu machen. Aber es war nicht die Haltung einer Supermacht. Viele Amerikaner interpretierten diese Tragödie als "hier ist ein Beispiel der Welt da draußen". Als Antwort gab Amerika der Welt ein Beispiel von sich.

Nur Stunden nach den Anschlägen zeigte der Finger der Verdächtigung auf die Moslems, die die Schuld allein tragen sollten. Für eine lange Zeit waren Moslems die bevorzugten Schurken.

Sie waren die schwächere Seite, die es verdiente, für das Unglück der anderen beschuldigt zu werden. Ein westlicher Strom von Nach-September-Kommentaren beschuldigte den Islam, die autoritäre Pest der moslemischen Staaten, und ihre altersschwachen Bildungssysteme, die Wut ausgelöst zu haben, die ihre Menschen mit dem Haß auf Amerika infiziert hat.

Immer noch versuchen viele, den Amerikanern befriedigende Erklärungen zu liefern, warum ihr freies, demokratisches, friedliebendes Land plötzlich zum Ziel von Terrorismus wurde. In der Atlantic Monthly erschien im Januar 2002 ein Artikel des britischen Historikers Bernard Lewis mit dem Titel "Was lief falsch in der moslemischen Zivilisation?"

In dem Artikel präsentiert Lewis seine These, daß die moslemische Welt arm, schwach und ungebildet geworden ist.

Die Vorrangstellung und daher die Dominanz des Westens sei für alle offensichtlich und wirke sich auf alle Teile des öffentlichen und privaten Lebens der Moslems aus.

Viele Gegenmittel seien versucht worden, Waffen und Fabriken, Schulen und Parlamente, aber keines habe das gewünschte Ziel erreicht, das steigende Ungleichgewicht zwischen der islamischen und der westlichen Welt zu stoppen.

Für die unterdrückerischen moslemischen Regime sei es ebenso nützlich, ja sogar wesentlich, Ziele außerhalb ihrer Gesellschaften zu finden, um die Armut zu erklären, die sie nicht geschafft haben zu beseitigen und die Tyrannei, die sie eingeführt haben. Dementsprechend versuchen sie, den wachsenden Unmut ihrer unglücklichen Bürger auf Ziele außerhalb zu lenken.

Lewis hatte noch mehr zu bieten. Er fuhr fort, indem er erklärte, daß militante Moslems, die sich selbst als Ausländer in ihren eigenen Gesellschaften fühlten und es nicht schafften, sich in eine westlich orientierte Gesellschaft einzugliedern, beschlossen hatten, den Westen zu zerstören. Daher seien es der Ärger, die Frustration und die Erniedrigung der moslemischen Welt, die Amerika seine Sicherheit, seine bürgerlichen Freiheiten und seine etablierte Demokratie kosten.

In Lewis These, wie in den meisten westlichen Kommentaren, wurde der Islam als eine böse und sündhafte Religion dragestellt und obwohl einige westliche Eliten andere Interpretationen lieferten, die Moslems von solchen Anschlägen entlasteten und militante Moslems beschuldigten, war der Schaden entstanden. Der Islam ist schuld.

Wenn der Islam ein Hindernis für Demokratie, für Wissenschaft und für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ist, wie kommt es dann, daß die moslemische Gesellschaft in der Vergangenheit ein Pionier auf allen diesen Gebieten war?

Als die meisten Amerikaner begannen, sich mit dem, was ihnen passiert war, abzufinden, stellten immer noch viele ihre gefühlsmäßige Fähigkeit in Frage, die Größenordnung der Anschläge zu bewältigen. Für sie spielt "die Doktrin, warum sie uns hassen" immer noch eine wichtige Rolle bei ihrem Blick und ihrem Verhalten anderen gegenüber. Weil sie von der wirklichen Welt abgeschottet waren, haben sie das unerwartete gesehen.

Aber für viele im Mittleren Osten war dies keine unerwartete Szene der Fremdartigkeit, sondern der Vertrautheit.

Viele lebten im Terror und der Zerstörung ihrer Häuser und Unterkünfte.

Viele lebten seit Jahrzehnten unter Sanktionen und überlebten durch die humanitäre Hilfe anderer Leute. Für sie war diese Szene und der Verlust von 4.000 Zivilisten kein Vergleich zu dem, was ihnen passiert.

Für die Palästinenser oder die Iraker ist diese Szene nichts im Vergleich zu dem Leben, das sie in den vergangenen Jahrzehnten geführt haben. Trotz dieser Tatsache hat kein ehrlicher, aufgeschlossener Moslem die Anschläge akzeptiert, gerechtfertigt oder die Täter als Helden gepriesen.

Moslems im Mittleren Osten verstanden die amerikanische Tragödie und ihre Ursachen und es ist offensichtlich, daß sie weder sich noch anderen ein solches Unheil wünschten.

Obwohl der 11.9. in jeder Beziehung eine Tragödie war, brachte es die Amerikaner nie dazu nachzudenken und an eine Welt außerhalb ihrer eigenen zu denken. In ihrem Gehäuse und innerhalb ihres Komfortbereichs haben durchschnittliche Amerikaner noch nie versucht zu verstehen, wie die Welt funktioniert oder wie andere Kulturen als ihre eigene in anderen Ländern existierten oder nebeneinander existierten.

Die einzige Gefahr von außen, die sie wahrnahmen, war der Kommunismus und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fühlten sie sich in der Welt sicher. Keine Militärmacht konnte es mit ihnen aufnehmen und ganz sicher kann kein wirtschaftlicher Gegner eine Herausforderung darstellen.

Die Amerikaner fühlten sich mit ihrer festungsgleichen Mentalität wohl. Die Welt, die sie verstehen, ist die Welt innerhalb ihrer Grenzen und manchmal innerhalb ihres Bundesstaates.

Für die Mehrheit der Amerikaner ist Neutralität der Tagesbefehl und solange sie nichts in ihrem täglichen Leben direkt trifft, machen sie in ihrem Leben weiter, ohne von Dingen zu wissen, die außerhalb ihrer eingeschränkten Welt passieren.

Für sie war der 11.9. aus zwei Gründen ein Schock: er zerstörte ihre Glauben, daß es niemand mit ihrer militärischen Überlegenheit aufnehmen konnte und er traf ihren übermäßigen Schutzgedanken, der ihnen Sorglosigkeit und Sicherheit innerhalb ihrer eigenen Grenzen bot.

In ihrem streng behüteten Glauben, daß Amerika nie das Ziel von Terrorismus werden würde, wurde es zu einem. Der Anschlag des Septembers, mit seinem Brüllen und seinem Knurren, veränderte viele Dimensionen. In ihrem Gefühl von Zerbrechlichkeit und Schock zogen sich die meisten Amerikaner auf den Glauben zurück, daß Hass und Wut die Anschläge motiviert hatte, und daß die Antwort auf solchen Haß auch Haß ist.

Die Amerikaner glaubten und glauben immer noch, daß sich die Welt um sie dreht. In ihrer festungsgleichen Mentalität versuchen sie gar nicht, zu verstehen, wie sich die Welt um sich selbst und um andere Universen dreht.

Aber die Dinge sind eindeutig dazu bestimmt, sich zu ändern. Die Tragödie des 11.9. hat der amerikanischen Mentalität ihren Stempel für die nächsten Jahre aufgedrückt und obwohl die Tragödie eine Erinnerung werden wird, werden ihre Folgen hier und heute bleiben.







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