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US-Army schickte schwer verletzte Kinder weg
25.06.2003


Donna Abu-Nasr

http://www.sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?f=/news/archive/2003/06/23/international1541EDT0668.DTL







An einem brennenden Nachmittag wurde der amerikanische Feldwebel David J. Borell während seiner Wache von einem Iraker angesprochen, der um Hilfe für seine drei Kinder bat, die Verbrennungen erlitten hatten, als sie einen Beutel in Brand steckten, der ein explosives Pulver, ein Überbleibsel des Irakkriegs, enthielt.

Borell forderte umgehend Unterstützung an. Die zwei Armeeärzte, die eine Stunde später eintrafen, lehnten es aber ab, den Kindern zu helfen, da ihre Verletzungen nicht lebensbedrohlich waren und nicht durch US-Soldaten verursacht worden waren.

Jetzt sind die beiden Mädchen und der Junge mit Schorf überzogen und der Junge kann sein rechtes Bein nicht benutzen. Und Borell ist erschüttert.

"Ich habe in fast 14 Jahren in der Army nichts derart gefühlloses gesehen", sagte Borell gegenüber AP, als er sich an den Vorfall vom 13. Juni erinnerte.

Ein Sprecher des US-Militärs sagte, der Zustand der Kinder fiel nicht in die Kategorie, die eine Behandlung durch Ärzte der Army erforderlich gemacht hätte und daß es keine unpassende Reaktion von Seiten der Ärzte gegeben habe.

Der Vorfall kommt zu einer Zeit, da die US-Soldaten versuchen, das Vertrauen der Iraker zu gewinnen, ein Unterfangen, daß durch die Notwendigkeit, sich selbst vor Angriffen zu schützen, fast unmöglich gemacht wurde. Wachsende Sicherheitsmaßnahmen haben bei Zusammentreffen von Amerikanern und Irakern zu Argwohn geführt. Es gibt mehr Leibesvisitationen, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen, bei denen die US-Soldaten die Leute mit vorgehaltener Waffe zwingen, sich auf den Boden zu legen - Maßnahmen, von denen die Iraker glauben, daß sie dazu da sind, sie zu erniedrigen.

Hinzu kommt, daß die Iraker der Ansicht sind, daß die Amerikaner ihre Versprechungen, die Sicherheit und die Lebensbedingungen zu verbessern, nicht eingehalten haben und Vorfälle wie das Wegschicken der Kinder verstärken das Gefühl, daß die Amerikaner nur wegen ihrer eigenen Interessen im Irak sind.

Borell, der seit dem 17. April im Irak ist, hat das, was mit den verletzten Kindern passiert ist, dazu gebracht, darüber nachzudenken, was es heißt, ein amerikanischer Soldat zu sein.

"Was hätte es gekostet, diese Kinder zu behandeln? Vielleicht ein paar Dollar. Ein bißchen Zeit und ein paar Hilfsmittel" sagte der 30-jährige Borell aus Toledo, Ohio.

"Ich kann mir die Herzlosigkeit gar nicht vorstellen, die nötig ist um einem Kind in die Augen zu sehen, das unter schrecklichen Schmerzen leidet und, während die medizinischen Hilfsmittel nur ein kurzes Stück die Straße herunter bereitstehen, ihre Not zu ignorieren, als wären sie bedeutungslos", fügte er hinzu.

Major David Accetta, Offizier für Öffentlichkeitsarbeit des 3rd Corps Support Command, sagte, der Zustand der Kinder fiel nicht in die Kategorie, die eine Behandlung durch Ärzte der Army erforderte. Nur bei Patienten, die in Gefahr sind, das Leben, Gliedmaßen oder das Augenlicht zu verlieren und dies nicht durch eine chronische Erkrankung hervorgerufen wird, komme eine Behandlung in Betracht.

"Unser Ziel ist es, daß die Iraker ihre eigene existierende Infrastruktur nutzen und Selbstversorger werden, unabhängig von der Krankenversorgung durch die US Streitkräfte" sagte Acetta in einer Email gegenüber AP.

Der Vorfall kam ans Licht nachdem ein AP-Photograph ein Bild von Borell machte, als dieser von einem Kollegen getröstet wurde nachdem die Ärzte die Behandlung der Kinder abgelehnt hatten. Als Borells Ehefrau, Rachelle Douglas-Borell, das Photo sah, nahm sie Kontakt mit AP auf und übergab eine Kopie eines Briefes, den er ihr geschrieben hatte und in dem der Vorfall beschrieben war.

Wenn Borell über die Kinder spricht macht er zwischen den Sätzen Pausen, hält den Kopf gesenkt und räuspert sich.

Auf einem Feldbett in einem nackten Raum in einer Army-Basis in Balad, 90 Kilometer nordwestlich Baghdads sitzend, sagte Borell, daß er, als er die drei Kinder, insbesondere die Mädchen, Ahlam, 11 Jahre alt und Budur, 10 Jahre alt, sah, an seine Töchter, Ashley, 8 Jahre, und Brianna, 5 Jahre, denken mußte.

Borell, der mit der Familie über einen umstehenden Iraker, der etwas englisch verstand, sprach, verstand nicht vollständig, was den Kindern zugestoßen war.

Aber der Vater der Kinder, Falah Mutlaq, sagte AP, daß sie einen Beutel angesteckt ahtten, den sie auf der Straße in ihrem Dorf Bihishmeh, ein paar Kilometer von der Basis entfernt, gefunden hatten.

Mutlaq (36), der 14 Kinder von zwei Ehefrauen hat, sagte, er hat die Kinder zu einem Krankenhaus in Balad gebracht, die Einrichtung habe sie aber weggeschickt, weil sie sie nicht nehandeln konnte. Dann brachte er sie zu der Basis.

Borells Augen werden von Schmerz verschleiert, wenn er die Kinder beschreibt.

Madeeha Mutlaq hielt ihren Sohn, den 10-jährigen Haidar, und wedelte ihm mit einem Stück Pappe Luft zu. Seine Beine, Arme und sein halbes Gesicht waren verbrannt. Ahlam, seine Schwester, und Budur, seine Halbschwester, hat weniger, aber immer noch schwere Verbrennungen.

Was Borell berührte war die Stille der Kinder.

"Sie gaben nicht einen einzigen Laut von sich", sagte er.

Borell funkte seine Vorgesetzten an, die sich mit dem Krankenhaus der Basis in Verbindung setzten.

Zwei Ärzte der Army, beide Majore, kamen.

Einer von ihnen, erzählt Borell, "sah [Haidar] an... hat ihn nicht untersucht, hat ihm keine Fragen gestellt."

"[Er] hat sich die Mädchen gar nicht angesehen", so Borell.

"Durch den Übersetzer sagte einer der Ärzte dem Vater, daß wir hier keine Medizin hätten... und nicht in der Lage wären, ihnen zu helfen", sagte Borell. "Und er erklärte auch die Tatsache, daß sie eine Langzeitbehandlung bräuchten."

Borell sagte, das Militärkrankenhaus war voll ausgestattet.

"Kurz bevor sie gingen sah ich den einen Arzt an und fragte ihn, ob er ihnen nicht wenigstens Mittel gegen die Schmerzen geben könne", sagte Borell. "Er sagte mir, sie wären nicht hier, um das Behandlungszentrum des Iraks zu sein."

"Er zeigte keinerlei Gefühlsregung", fügte er hinzu.

Borell nahm seinen Erste-Hilfe-Koffer und gab dem Vater einige Verbände und Infusionslösung, um die Wunden zu reinigen.

Mutlaq, der Orangen und Äpfel mit Wasser aus dem Tigris züchtet, lachte, als er sich an die Worte des Arztes erinnerte.

"Er hat gelogen", sagte Mutlaq. "Die größte Macht der Welt zieht ohne Medikamente gegen Verbrennungen in den Krieg? Wer soll das glauben?"

Mutlaq brachte die Kinder am nächsten Tag zur Behandlung nach Baghdad.

Budur, ein fröhliches Kind mit leuchtenden braunen Augen, scheint sich bis auf ein großes Stück Schorf an ihrem rechten Arm erholt zu haben.

Ahlam und Haidar sind von gelbem Schorf über rohem, roten Fleisch übersät. Haidar hält die Finger seiner linken Hand gekrümmt und springt auf seinem linken Bein weil es zu schmerzhaft ist, das rechte zu benutzen. Selten zieht ein Lächeln trotz des Unwohlseins über sein Gesicht.

Mutlaq erzählte, daß er die Kinder nachts häufig vor Schmerzen wimmern hört.

Trotz seines Leids sagte Mutlaq, daß er keine Verbitterung empfinde.

"Wie könnte ich die Amerikaner nicht lieben? Sie haben mir letztens bei einem platten Reifen geholfen", sagte er.

Borell sagte, er fühle sich von der Army, der er nach der High School beigetreten ist, betrogen. Außer dem Brief an seine Frau hat er noch an seine Kongreßabgeordnete und mehrere Nachrichtenmedien geschrieben und den Vorfall geschildert.

Seine Vorgesetzten haben kein Wort gesagt, so Borell, "obwohl ich das Gefühl habe, daß sie nicht sehr glücklich sind."

Borells Frau hat ihm ein silbernes Armband mit der Aufschrift "Pflicht, Ehre, Vaterland" geschenkt. Er trägt es als Erinnerung, warum er im Irak ist.

"Ich frage mich, ob ich nach heute den Titel ‚Soldat' noch mit einer Spur Stolz tragen kann", sagte er.




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