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Gefährliche Verbindungen
27.06.2003


Peter Beaumont

http://observer.guardian.co.uk/international/story/0,6903,982422,00.html







Es gab letzte Woche im Londoner Evening Standard ein Photo von jungen amerikanischen Soldaten. Es brachte mich zur Besinnung. Ich war einer Titelgeschichte in den Innenteil gefolgt, die von einer Gruppe amerikanischer Soldaten handelte, die zugegeben hatten, so wahllos zu schiessen, daß sie Zivilisten getötet hatten, vielleicht viele, als sie um Baghdad kämpften. Die jungen Männer sahen wie alle anderen US-Soldaten aus, die ich im Irak getroffen hatte. Und dann stach ein Gesicht heraus. Einer aus der Gruppe kam mir irgendwie bekannt vor. Als ich den Text überflog wurde mir klar, daß ich Männer dieser Einheit getroffen hatte als ich auf dem Weg nach Baghdad war. Und daß sie, ihrer eigenen Aussage nach, mich fast umgebracht hätten.

Es war ein seltsam chaotischer Tag als ich auf die Männer des 3/ 15th Batallions der 3rd Infantry Division, einer Versorgungseinheit, die den ersten Panzern und Bradleys in die Außenbezirke Baghdads mit Tankwagen, Lebensmitteln und Munition gefolgt war. Wir waren von der südlichen Hafenstadt Umm Qasr nahe der kuwaitischen Grenze gekommen, wo wir außerhalb des Hafens unser Lager aufgeschlagen hatten während wir über den Fall Basras berichteten. Als die Neuigkeiten aus Baghdad immer dringender wurden entschieden wir uns, uns noch am gleichen Tag nach Baghdad aufzumachen. Vier Wagenladungen von uns - die meisten Amerikaner - machten sich auf und folgten der Hauptversorgungsstrecke der 3rd Infantry Division, bis wir an einer verlassenen Autobahn nicht weit entfern vom Baghdader Flughafen ankamen.

Der erste Anflug von Problemen kam, als wir etwas später versuchten, an einem ausgebrannten irakischen Panzer, der die Straße Richtung Norden versperrte, vorbeizukommen. Als wir an dem Panzer vorbeifuhren feuerten in der Nähe postierte Amerikaner einen "Warnschuß" ab, der nur knapp an unserem Führungsfahrzeug vorbeiging, so dicht, daß es zu einem wütenden Streit zwischen dem amerikanischen Fahrer und dem Schützen und Kommandeur des Bradleys kam, der nur darüber lachte.

Sie liessen uns durch und wir fuhren weiter in die Vororte Baghdads, vorbei an einer Szenerie totaler Zerstörung - brennende Häuser, brennende US-Militärfahrzeuge und Körper auf der Straße - verteilt zwischen drei Autobahnkreuzen.

Es war spät und die Feuer und der Rauch verliehen der Szene im Zwielicht ein höllisches Glühen. Aber alle amerikanischen Panzerbesatzungen, an denen wir vorbeikamen, die meisten von ihnen umringt von neugierigen irakischen Zivilisten, winkten uns freudig genug zu und so fuhren wir in der Hoffnung weiter, die Hotels im Zentrum Baghdads zu erreichen, wo wir die Nacht verbringen wollten.

Da wir uns bewußt waren, daß wir uns von hinten einer kämpfenden Armee näherten, waren wir sehr vorsichtig, die Warnblinker waren eingeschaltet, wir hatten weiße Fahnen und die Fahrzeuge waren mit aufgeklebten orangefarbenen Schildern und Abzeichen markiert um zu signalisieren, daß wir freundlich waren.

Wir überquerten eine Brücke und dann wurden die Dinge plötzlich unangenehm. Auf dem Weg über die Brücke in Richtung auf eine luxuriöse Gegend mit Palästen sahen wir die Stacheldrahtabsperrung und den Bradley-Panzer nicht. Wir hörten den Warnschuß und hielten sofort an. Aber irgendetwas stimmte mit den Soldaten da vorn nicht. Wir konnten sehen, wie sie Waffen brachten und aufstellten, die auf unsere Fahrzeuge gerichtet waren. Und plötzlich hatten wir Angst.

Manchmal trifft man Entscheidungen ganz plötzlich. Mehrere von uns sprangen aus ihren Autos und schrien "Medien!", "amerikanische Journalisten!", darunter eine große, blonde US-Reporterin. So groß und blond - davon bin ich überzeugt - daß sie für nichts anderes gehalten werden konnte. Als sie auf uns zuliefen und uns und unsere Fahrzeuge durchsuchten bemerkte ich etwas - daß diese Männer sowohl ängstlich als auch wütend waren, die schlimmste Art von Soldaten, der man begegnen kann.

Sie brachten uns zu ihrem Hauptquartier, wo sie uns Essen gaben und uns schlafen liessen. Sie schienen nette Jungs zu sein. Aber etwas, das der Schütze des Bradleys gesagt hatte, machte mir Angst. Er hatte sich entschuldigt und uns gesagt, daß er uns fast getötet hätte. Er sagte, er hätte den Finger auf dem Abzug gehabt. Eine Sekunde später und es wäre zu spät für eine Entschuldigung gewesen.

Später, als ich zurückkam um sie zu besuchen, erzählten sie ihre Geschichten. Von einem schrecklichen Kampf mit arabischen Freiwilligen. Von zerstörten Fahrzeugen auf beiden Seiten. Sie sagten, man sei mit Selbstmordautos auf sie zugefahren. Was sie nicht sagten, war das, was sie später dem Evening Standard sagten: daß unter denen, die sie in dem 8-stündigen Kampf auf jener Autobahn und an den darauffolgenden Tagen getötet hatten, viele mit Sicherheit unbewaffnete Zivilisten waren, die nur getötet worden waren, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Ich hätte es mir denken können. Unter denen, die ich in den Tagen in den Krankenhäusern Baghdads interviewt hatte waren Insassen von Autos - viele von ihnen Kinder - deren Fahrzeuge zerstört worden waren. Gewehrkamerabilder, die in der ganzen Welt ausgestrahlt wurden, zeigten Panzer und Bradleys, die auf jedes Auto, auf das sie auf ihrem Weg in Baghdad trafen, schossen. In Nasiriyah haben Soldaten das gleiche zugegeben. Mit den Saddam Fedayeen in ihrer zivilen Kleidung konfrontiert wurde jeder als Feind angesehen und getötet.

Ein junger Marine hat es mir gegenüber selbst zugegeben: wie seine Einheit ein Auto unter Beschuß nahm, das sich dem Kontrollposten zu schnell näherte. Der einzige Überlebende war ein Junge, dessen Gesicht zerrissen war.

Was passierte also bei dem Vormarsch in Baghdad - und was passiert immer noch, da amerikanische Soldaten auf Gruppen von Demonstranten schießen? Die Antwort kam mir letztens. Der Welt größten und besten Armee - die technisch am besten ausgerüstete - fehlt es an Disziplin im Hinblick auf ihre eigenen Gefechtsregeln und der Fähigkeit - der entscheidenden Fähigkeit - Ziele vor einem Angriff eindeutig zu identifizieren.

Das ist kein neues Problem. Es steckt hinter den nur allzu häufigen Vorfällen von "Friendly Fire" durch US-Soldaten auf Alliierte und hinter der Arroganz, mit der die US-Streitkräfte viele Iraker behandelten.

Das Ergebnis ist aber eine Rücksichtslosigkeit und das Fehlen von Sorge um zivile Opfer, das schon ans Kriminelle grenzt.

Wenn ich das Bild der jungen Männer vom 3/15th ansehe, wenn ich an ihre schreckliche Feuertaufe im Kampf auf dieser Autobahn denke, würde ich gern mehr Sympathie für sie empfinden als ich es tue. Die meisten von ihnen sind gute Männer, aber sie haben den Tarnanzug angezogen und die Waffe genommen. Und sie haben bei der schrecklichen Verantwortung, die ihnen das aufbürdet, versagt.




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