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Baghdad zahlt den Preis

Phil Reeves

http://news.independent.co.uk/world/middle_east/story.jsp?story=406657





Statistiken, die erst heute veröffentlicht wurden, enthüllen die Fakten: 242 Menschen wurden in Baghdad in den letzten drei Wochen getötet, fast alle durch Schußverletzungen. Es ist eine Epidemie, und es wird schlimmer.

Die nächtlichen Szenen in den städtischen Krankenhäusern zeigen den wahren Preis, den die irakische Hauptstadt zahlen muß, weil die Besatzungsmacht es nicht schafft, ihrer Verpflichtung nachzukommen, die Straßen sicher zu machen.

Gestern um 3:20 Uhr schoben Haider Khassems Freunde ihn halbtot auf den Rücksitz eines Autos. Die Ärzte in der Notaufnahme des al-Kindi-Krankenhauses hatten alles getan, was sie konnten um die vier Kugeln in der Brust des jungen Mannes, der vor 90 Minuten eingeliefert worden war, sich Schmerz hinundherwerfend und blutend wie eine erschlagene Robbe, zu behandeln. Die Ärzte beschlossen, daß er umgehend in einer Spezialklinik 20 Minuten entfern behandelt werden müsse. Der Fahrer des letzten verbliebenen Krankenwagens des Krankenhauses - die anderen drei waren gestohlen oder geplündert worden - war verschwunden. Und so wurde der schwer verwundete Mr. Khassem in einen alten, verrosteten Moskavich 408 verfrachtet. Ein Freund hielt seinen Infusionstropf aus dem Heckfenster. Vorne saß Salah Fayek, sein Kopf in einen Turban von Verbandsmaterial gewickelt, um eine Wunde zu versorgen, die ihm bei dem gleichen Angriff beigebracht worden war.

Und so machten sich die Verstümmelten und Verwundeten auf in die nächtlichen Straßen Baghdads, eine Stadt unter Ausgangssperre, in der immer wieder Schüsse wiederhallen, um ein Leben zu retten.

Fünzig Minuten früher - das gleiche. Ein drittes Opfer, Mohammed Tahab, wurde auf den Rücksitz eines weißen Oldsmobile Cutlass gequetscht, seine Augen angeschwollen wie Pflaumen von der Kugel durch sein Gehirn, sein grüner Trainingsanzug von großen Blutflecken bedeckt. "Ich glaube nicht, daß er es schafft", sagte Dr. Rebar Nouri, der diensthabende Arzt des al-Kindi-Krankenhauses, als er dem Auto hinterherblickte, wie es an den das Krankenhaus bewachenden US-Soldaten vorbeifuhr, wieder mit einem Arm aus dem Fenster, eine Infusion haltend.

Erstaunlicherweise waren beide Männer gestern Nachmittag immer noch am Leben. Ärzte sagten, Mr. Tahabs Gehirn sei geschädigt, er klammere sich aber ans Leben, obwohl nur knapp. Mr. Khassems Zustand war stabil.

Die genauen Umstände, die zu ihren Verletzungen führten, sind nicht bekannt - Angehörige beschuldigten amerikanische Soldaten, was aber nicht überprüft werden konnte - solche Szenen gehören hier mittlerweile aber zum Alltag.

Dr. Fa'ak Amin Bakr, Leiter der städtischen Leichenhalle, sagt, 242 Menschen seien in den letzten 25 Tagen getötet worden, von denen neun von zehn erschossen worden seien. Er sagt, vor der Invasion hätte es in Baghdad durchschnittlich einen durch Schüsse verursachten Todesfall pro Tag gegeben.

Kämpfe zwischen Plünderern und Racheakte aus der Zeit Saddams greifen um sich, von einem Sicherheitsvakuum angetrieben, daß zum großen Teil auf Donald Rumsfelds, dem amerikanischen Verteidigungsminister, Entscheidung beruht, den Irak nur mit einer Mindestanzahl von Soldaten zu erobern und zu besetzen - zwei Divisionen zu wenig, sagen gutinformierte Quellen innerhalb des alliierten Wiederaufbauteams.

Sie sind auch das Ergebnis des Unvermögens der Alliierten, die Polizisten Baghdads in ausreichender Anzahl dazu zu bringen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Die meisten, die zurückgekehrt sind, bleiben bisher in den Polizeistationen.

Und die Anzahl der Morde steigt. Die 124, die in den letzten 10 Tagen durch Kugeln gestorben sind sind eine Steigerung von 60 Prozent gegenüber des vorangegangenen 10-Tage-Zeitraums.

In den 24 Stunden bis gestern Morgen wurden 13 Menschen mit Schußverletzungen in das al-Kindi-Krankenhaus eingeliefert. Ihre Geschichten liefern ein ziemlich klares Bild des heutigen Baghdads: ein 18-jähriges Mädchen, das von ihrem Bruder angeschossen worden war, der die Waffe von seinem mit Waffen handelnden Vater hatte- Sie starb im Krankenhaus. Ein sechs Jahre alter Junge, der - nach Aussage des Arztes, der ihn behandelte - von einer Kugel getroffen wurde als er vor seinem Haus stand, kam im Krankenhaus mit der "Brust voller Blut" an. Nadim Zeidan wurde als Rache gegen seinen Vater, der Mitglied der Baath-Partei war, von einem Verwandten ins Bein geschossen, sein Bruder wurde bei dem Angriff getötet. Hamid Turki (28) kam ins Krankenhaus nachdem eine Kugel bei einer Stammesauseinandersetzung seinen Hüftknochen zerschmettert hatte. Und so geht die Liste weiter.

Und das ist das Chaos, das der von Washington eingesetzte Paul "Jerry" Bremer, ein Schützling Henry Kissingers, ordnen soll. Anders als sein Vorgänger als Leiter des Iraks, Jay Garner, wurde ihm die volle Befehlsgewalt über die alliierte Administration im Irak gegeben.

In seiner ersten Pressekonferenz in Baghdad sagte er gestern, 300 Verdächtige seien in Iraks wiedereröffnete Gefängnisse gesteckt worden - 92 allein am Mittwoch. Das "ernste Problem von Recht und Ordnung" in der Hauptstadt habe höchste Priorität sagte er. Er merkte an, daß 100.000 Gefängnisinsassen von Saddam Hussein im letzten Oktober entlassen worden waren. "Es wird Zeit, daß diese Leute wieder ins Gefängnis kommen", sagte er.

Diese eigenartige Bestätigung des Rechtssystems Saddam Husseins wird Mr. Bremer Menschen- und Bürgerrechtsgruppen nicht näher bringen. Weniger läßt sich gegen die verzweifelten Ärzte Baghdads sagen, die wollen, daß etwas getan wird, bevor weitere Hunderte in der Leichenhalle enden.






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