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Täglich 2.500 Tote im Kongo
26.05.2003


Finbarr O'Reilly

http://www.thestar.ca





Als ein großer mit Hilfsgütern beladener Lastkahn hier letztes Jahr in einem kurzen Moment des Optimismus ablegte wurden zwei Tauben in die Luft geworfen, um den lange herbeigesehnten Frieden im Herzen Afrikas zu symbolisieren. Eine Taube weigerte sich, zu fliegen. Die andere fiel in das schmutzige Wasser des Kongos, wo sie, ihre Federn ölverschmiert, ertrank.

Dies war nur ein weiteres böses Omen für die Demokratische Republik Kongo, die schon unzählige Versuche erlebt hat, Afrikas größten Konflikt zu beenden.

Seit fast fünf Jahren taucht der Krieg im früheren Zaire immer mal wieder kurz in den Medien auf, aber nur, wenn es wieder zu einem Ausbruch schwerer Kämpfe, einem Massaker, der Ermordung eines Präsidenten oder einem Vulkanausbruch gekommen ist.

Die meisten Kämpfe finden in entlegenen Regionen statt und ihre Opfer bleiben ungenannt, während alle Seiten versuchen, möglichst viel Mineralien zu exportieren, aus denen Juwelen oder das neuste technische Spielzeug für reiche Nationen hergestellt werden, um damit den Krieg zu finanzieren.

Aber Gewalt, Hunger und Krankheiten haben zu 3,3 bis 4,7 Millionen Toten geführt, was dies einem Bericht des New Yorker International Rescue Committee zufolge zu dem tödlichsten Konflikt seit dem 2. Weltkrieg macht. "Wir werden niemals erfahren, wieviele gestorben sind, denn ihre Leichen sind verschwunden - ganze Dörfer und Stämme sind verschwunden" sagte ein hoher Diplomat hier in Kinshasa. "Hier passiert ein Völkermord und die internationale Gemeinschaft ist immer noch ruhig. Es ist so eine komplexe, vielschichtige Sache, daß es schwierig für westliche Köpfe ist, die Kompliziertheit der damit verwickelten afrikanischen Fakten zu erfassen."
Kannibalismus, Zusammenstöße unterschiedlicher Stämme und das Vorhandensein traditioneller Krieger, die glauben, verzaubertes Wasser könnte Kugeln aufhalten, verstärken nur das unheimliche Bild des Kongo, wie es vor 100 Jahren in Joseph Conrads klassischer Novelle Herz der Finsternis beschrieben wurde.

Das riesige Land konnte selten Frieden oder Stabilität genießen seit der belgische König Leopold II ein privates zentralafrikanisches Weltreich geschaffen hatte, das ein Inbegriff für Gier und Brutalität wurde.

Mobutu Sese Seko riss die Macht 1960 nach einer hastigen Unabhängigkeitserklärung an sich und seine kleptokratische Herrschaft dauerte fast vier Jahrzehnte an.

Ein chaotisches Land von der Größe Westeuropas, ist der Kongo jetzt in persönliche Lehen unterteilt, die von diversen Rebellengruppen, unzähligen Gruppen umherziehender Banditen und einer Regierung, die nicht in der Lage ist, die Herrschaft über die Nation zurückzuerlangen, kontrolliert werden.

Die Hauptkriegsführer behaupten, sie würden für die "Wiedervereinigung" ihres Landes kämpfen, aber nationale und Stammesinteressen haben Vorrang und das Endergebnis für die Mehrheit der 60 Millionen Menschen im Kongo ist noch mehr Armut und noch mehr Leid.

Für Agnes, eine 20 Jahre alte Frau in dem östlichen Ort Bukavu, ist jeder Tritt ihres Kindes in ihrem Körper eine Erinnerung an die Nacht, als bewaffnete Männer ihr Dorf im Wald stürmten und sie vergewaltigten, bis sie ohnmächtig wurde. "Es ist ein Kind des Bösen, aber es hat zum Teil auch mein Blut, und so weiß ich nicht, was ich tun soll", flüstert sie, und sagt, daß sie vor dem Angriff noch eine Jungfrau war. "Es quält mich."

15 andere Frauen, zusammengekauert unter einem Baum nahe einem Hilfszentrum, sind so verstört, daß sie sich manchmal angesichts ihrer Erinnerungen übergeben müssen - Erinnerungen, die ein erschreckendes Muster von als Kriegswaffe eingesetzten Massenvergewaltigungen zeichnen.

"Ich kenne keinen Ort, wo die Situation so schlimm ist wie hier" sagt ein Mitarbeiter einer westlichen Hilfsorganisation in Bukavu. "Vergessen Sie Afghanistan unter den Taliban. Ostkongo ist vermutlich der schlimmste Ort auf der Welt für eine Frau. Und die Sache ist die, daß kaum etwas getan wird, das zu ändern."

Die Region wurde in die Anarchie gestürtzt als tausende von Hutu-Extremisten, bekannt als Interahamwe, in die Wildnis des Kongo geflüchtet waren nachdem sie 1994 den Völkermord in Ruanda begangen hatten. Ruanda und eine alliierte kongolesische Rebellenarmee verfolgten sie und lösten einen Krieg aus, der sich immer weiter ausbreitete. Allein die Anzahl der Kriegsparteien läßt schon die Hoffnung auf Frieden schwinden.

Der Kreislauf der Gewalt schließt traditionelle Mai-Mai-Krieger ein, die gegen die Rebellen der von Ruanda unterstützten Rally for Congolese Democracy, die auf dem Papier ein Drittel des an Bodenschätzen reichen Landes kontrolliert, kämpfen.

"Vergewaltigung wird häufig gegen Frauen eingesetzt, um deren Ehemänner zu bestrafen, wenn man sie verdächtigt, mit den Mai-Mai zu kollaborieren", sagt die kanadische Organisation Rights & Democracy. "Einige Kämpfer haben damit geprahlt, daß sie die vergewaltigten Frauen mit AIDS infiziert haben." Man schätzt, daß bis zu 60 Prozent der Soldaten und Milizen in Ostkongo mit dem AIDS verursachenden HIV-Virus infiziert sind, was auf eine zukünftige Katastrophe für die vergewaltigten Frauen und ihr Land hinweist.

In der abgelegenen Goldminenstadt Shabunda sagen die Leute, daß 80 Prozent der Frauen vergewaltigt worden sind. Anderen Frauen wurden die Genitalien mit Stöcken, Messern, Rasierklingen oder Waffen verstümmelt.

Es läuft meistens nach dem gleichen Muster ab. Sie greifen nachts an oder sie fallen über Frauen her, die in den Feldern Nahrung, Wasser oder Feuerholz sammeln. Frauen und Mädchen werden als Sexsklaven gefangen und gezwungen zu kochen, zu waschen und gestohlene Sachen zu transportieren.

Der Krieg in Afrikas drittgrößtem Land begann, als Rebellen unterstützt von Uganda und Ruanda 1998 in das Land eindrangen, um die Täter des Völkermords von Ruanda zu verfolgen. Uganda und Ruanda begannen als Verbündete, wandten sich dann aber gegen einander. Die Armeen sind mehrfach im Kongo zusammengestoßen und die beiden Länder unterstützen unterschiedliche Kriegsparteien, die um die Kontrolle über die riesigen Reichtümer des Landes kämpfen.

Als "Afrikas 1. Weltkrieg" bezeichnet, hat der Konflikt die ganze Region polarisiert und spielt Ruanda, Uganda, Burundi und diverse Rebellengruppen gegen die Regierung und die Verbündeten Angola, Zimbabwe und Namibia aus. Nicht beendete Bürgerkriege in Ruanda, Uganda, Burundi und Angola haben teilweise im Kongo stattgefunden und örtliche Fehden und Stammesfeindschaften stacheln ethnische Gewalt im Nordosten an.

1999 fror ein Friedensvertrag die Armeen an ihren Standorten ein, schaffte es aber nicht, die Kämpfe oder die Plünderung der Reichtümer des Kongo, unter anderem Gold, Diamanten, Holz und Coltan, ein Mineral, das für Laptops, Mobiltelephone und Stealthbomber verwendet wird, zu stoppen. Die meisten ausländischen Soldaten sind abgezogen, aber Anführer aller Seiten des Kriegs im Kongo werden von den Vereinten Nationen noch immer beschuldigt, die Ressourcen zu plündern während das Volk leidet.

Diamanten sind die größte Exporteinnahmequelle des Kongo, der offizielle Wert betrug im Jahr 2000 240 Millionen US-Dollar und in 2001 225 Millionen US-Dollar. Aber das doppelte dessen wird illegal von korrupten Beamten, kriminellen Netzwerken und Rebellen über die durchlässige Grenze geschmuggelt, so ein Bericht von Partnership Africa Canada, eine Organisation mit Sitz in Ottawa. "Das Volk verarmt immer weiter während andere - Unternehmer, Diebe und Mörder - immer reicher werden."

Es hat unzählige Friedensbemühungen gegeben - der letzte wurde letzten Monat unterzeichnet - und manchmal ein leichtes Aufflackern von Hoffnung. Aber Fortschritte in Richtung eines dauerhaften Friedens werden von der extrem instabilen Situation in der nordöstlichen Provinz Ituri bedroht, wo die kürzlich verübten ethnischen Massaker Erinnerungen an den Völkermord in Ruanda 1994 wachgerufen haben.

Blutige Zusammenstöße zwischen den Stämmen der Hema und der Lendu in der Gegend um die nordöstliche Stadt Bunia haben in den letzten Wochen hunderte Zivilisten das Leben gekostet.

Die Truppe der Vereinten Nationen im Kongo ist hoffnungslos unterbesetzt, nur ungefähr 4.400 Soldaten sind über das ganze Land verteilt und nicht gewillt, in die gefährlichsten Gebiete vorzudringen. Mitgliedsstaaten zögern, sich in einen so komplexen Krieg einzumischen und die UN wird von ihrem Status als Beobachter ohne Mandat, beim Ausbruch von Kämpfen einzugreifen, behindert.

Kongolesische Zivilisten haben wenig Respekt vor UN-Personal und werfen häufig Steine nach ihren glänzenden, weißen Geländewagen und nennen sie "Touristen", weil sie mit prallen Brieftaschen kommen.

Das französische Angebot, eine stärkere ausländische Präsenz in Ituri zu leiten könnte von neuen Berichten von zwei nahe Bunia "grausam getöteten" UN-Militärbeobachtern beeinträchtigt werden.

Während die Welt abwartet, um zu handeln, steigt die Zahl der Opfer in einem Krieg mit geschätzten 2.500 Todesopfern jeden Tag an.

Massaker sind üblich, aber die Mehrzahl fällt mangelhafter Ernährung und dem Fehlen auch nur der einfachsten Gesundheitsfürsorge zum Opfer, in einem Land, das praktisch keine Infrastruktur mehr besitzt, wo Ernten verlassen werden und die Wirtschaft zusammengebrochen ist, zusammen mit dem bißchen Gesundheitsfürsorge, das vor dem Krieg existierte.

"Ich kämpfe für Kongo" sagt Jackson, ein 16 Jahre alter Soldat, der mit von Uganda unterstützten Rebellen seit drei Jahren im nördlichen Kongo kämpft. Wenn man ihn fragt, was er oder sein Land durch den Krieg gewonnen hätten, zuckt er mit den Schultern und sagt "Ich weiß nicht."






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