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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Kopierschutz ist ein Verbrechen
29.05.2003


David Weinberger

http://www.wired.com/wired/archive/11.06/view.html





...gegen die Menschlichkeit. Die Gesellschaft beruht darauf, daß Regeln gebogen werden.

Digital Rights Management liest sich auf dem Papier unbedenklich: Verbraucher kaufen Rechte, um kreative Arbeiten zu nutzen und werden davor geschützt, diese Rechte zu verletzen. Wer außer Piraten könnte etwas dagegen haben? Fair ist fair, oder nicht? Nun, nein.

In der Realität läßt uns unser Rechtssystem einen gewissen Spielraum. Was in dem einen Fall fair ist, ist es in dem anderen nicht - und nur das menschliche Urteilsvermögen kann den Unterschied erkennen. Wenn wir die Nutzungsregeln in die Software und die Hardware schreiben, schreiben wir auch die Regeln, nach denen wir als Gesellschaft leben, um, ohne vorher jemand zu fragen, ob das ok ist.

Das Problem fängt damit an, daß digitale Daten verlustfrei von einer Maschine auf eine andere kopiert werden können. Dies hat die Musik- und die Filmindustrie dazu gebracht, auf Digital Rights Management Systeme zu drängen. Kauf das Recht, den neusten Hit oder Film einmal abzuspielen und DRM kann verhindern, daß Du es ein zweites Mal tust.

Natürlich erfordert eine derart weitgehende Kontrolle der Inhalte tiefgehende Eingriffe in alle Teile der Wiedergabekette - der Hardware, dem Betriebssystem und dem Inhalt selbst. Vor kurzem haben einige im Kongress die FCC [Federal Communications Commission - Bundeskommisission für das Nachrichtenwesen - ähnlich den Befugnissen der Bundespost früher, inklusive der Überwachung von Funkfrequenzen etc.] dazu gebracht, ein "broadcast flag" [Sendemarker] in Inhalte zu integrieren, der von digitaler Hardware erkannt und befolgt werden muß. DRM läßt den Schlagbaum herunter.

Die übliche Kritik besagt, daß das System den Rechteinhabern zu viel Macht gibt. Aber es gibt ein tieferliegendes Problem: die einhundertprozentige Umsetzung von Regeln ist von Natur aus unfair. Überleg Dir als Gegenbeispiel, wie unvollständig Regeln in der realen Welt umgesetzt werden.

Wenn Dein Mietvertrag sagt, daß Du nicht ohne Erlaubnis Deines Vermieters streichen darfst, wirst Du trotzdem dir Kratzer, die Dein hund in der Tür gemacht hat, überstreichen. Wenn der teure Bericht eines Industrieberaters Dich auf jeder Seite davor warnt, Kopien anzufertigen, wirst Du trotzdem auf der wöchentlichen Sitzung Kopien der Seite mit der wichtigen Tabelle verteilen. Du wirst bei dem bloßen Vorschlag, es anders zu machen, anfangen zu kichern.

Aber warum? Auf dem Bericht des Beraters steht "NICHT KOPIEREN", und der Teil in Deinem Mietvertrag, der das Streichen verbietet, könnte nicht eindeutiger sein. Wir kichern, weil wir alle wissen, daß es vor dem Gesetz Spielraum gibt - den wahren Eckpfeiler menschlicher Beziehungen. Natürlich verlassen wir uns auf die Regeln, wenn es um die harten Fälle geht, aber ansonsten nehmen wir es ziemlich locker. Wir müssen. Das ist der einzige Weg, wie wir Menschen es schaffen können, uns eine Welt zu teilen. Sonst würden wir uns die ganze Zeit an die Gurgel gehen - oder, präziser gesagt, unsere Anwälte würden sich die ganze Zeit an die Gurgel gehen.

Und doch sind wir dabei, Digital Rights Management zu installieren. Was können Computer am besten? Regeln gehorchen. Was können sie am schlechtesten? Spielraum zulassen. Warum? Weil Computer nicht wissen, wann sie in die andere Richtung schauen sollen.

Wir sind am Arsch. Nicht, weil wir MP3 Cowboys und Cowgirls für die Inhalte, die wir "gestohlen" haben, zahlen müssen. Nein, wir sind am Arsch, weil sie die Basis unseres intellektuellen und kreativen Lebens aushöhlen. Damit wir reden, streiten, Ideen ausprobieren, Gedanken verwerfen und entwickeln, Konzepte aufnehmen und verbreiten - verdammt, um überhaupt zusammen in der Öffentlichkeit zu sein - brauchen wir die Garantie gewisser Spielräume. So entstehen Ideen und Kulturen. Wenn ein öffentlicher Raum viel Licht, Luft und Platz braucht, dann ist es der Marktplatz der Ideen.

Es gibt Zeiten, wo es nötig ist, das Regeln für diesen Marktplatz aufgestellt werden, seien es nun internationale Gesetze gegen Bootleg CDs oder das Recht, jemanden wegen verleumdung zu verklagen. Aber die Tatsache, daß wir manchmal regeln brauchen, sollten uns nicht zu dem Gedanken verleiten, daß sie die Norm sind. Tatsächlich ist der Spielraum die Norm und die Regeln sind die Ausnahme.

Fairness heißt, zu wissen, wann man eine Ausnahme machen muß. Schließlich ist es einfach Regeln immer gleich anzuwenden. Jeder Bürokrat kann das. Es ist viel schwerer zu wissen, wann man die Regeln biegen oder sogar brechen muß. Das erfordert, daß man die Bedürfnisse der Menschen und den größeren Zusammenhang erkennt, die Werte gegeneinander abwägt und Übertretungen vergibt wenn es nötig ist.

In der digitalen Welt - der wirklich gewordene Marktplatz der Ideen - aber sind wir auf der Schwelle, formlose, kontext-basierte Entscheidungen an eine fest programmierte Software zu übergeben, die nicht in der Lage ist, den Kichertest zu machen. Das ist ein Problem, und es läßt sich nicht durch mehr und bessere Programmierung lösen. Das würde nur zu mehr Regeln führen. Was wir wirklich erkennen müssen, ist daß die Welt - online und offline - zwingend unvollkommen ist, und daß es wichtig ist, daß sie so bleibt.







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