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Eine zerschmetterte Zivilisation


Robert Fisk
The Independent - UK
http://news.independent.co.uk/world/environment/story.jsp?story=396743




Wie Robert Fisk berichtet, ist Baghdad eine Stadt im Krieg mit sich selbst, der Gnade von Dieben und Bewaffneten unterworfen. Und im wichtigsten Museum der Stadt ist etwas wirklich schreckliches passiert...

Sie liegen in tausenden von Teilen über den Boden verteilt, die unschätzbaren Fundstücke der irakischen Geschichte. Die Plünderer waren von Regal zu Regal gegangen und hatten systematisch die Statuen und Töpfe und Amphoren der Assyrer, der Babylonier, der Sumerer, der Meder, der Perser und der Griechen auf den Steinboden geschmettert.

Unsere Füße knirschten über die Bruckstücke von 5000 Jahre alten Marmorplatten, Statuen und Töpfen, die jede Invasion Baghdads überstanden hatten - nur um zerstört zu werden als Amerika kam, die Stadt zu 'befreien'. Die Iraker taten es. Sie taten es ihrer eigenen Geschichte an, als sie die Belege der mehrtausendjährigen Zivilisation ihres Landes zerstörten.

Seit der Zerstörungswut der Taliban gegen die Buddhas von Bamiyan und die Statuen im Museum von Kabul - vielleicht nicht einmal seit des zweiten Weltkriegs oder davor - wurden nicht mehr so viele archäologische Schätze bewußt und systematisch zerstört.

'Das haben unsere Leute ihrer Geschichte angetan' sagte der Mann im grauen Anzug als wir gestern unsere Lichter über die Haufen von einstmals perfekten sumerischen Töpfen und griechischen Statuen, jetzt kopf- und armlos, im Lagerraum des Nationalmuseums für Archäologie des Iraks streifen liessen. 'Wir brauchen die amerikanischen Soldaten um zu bewachen, was noch übrig ist. Wir brauchen die Amerikaner hier. Wir brauchen Polizisten.' Aber alles, was der Museumswächter Abdul-Setar Abdul-Jaber gestern sah waren Waffengefechte zwischen Plündereren und lokalen Anwohnern und Kugeln, die außerhalb des Museums über die Köpfe pfiffen und in die Wände umstehender Apartmentblocks einschlugen. 'Sehen sie sich das an'sagte er, als er ein großes Stück Tonware, mit zierlichen Mustern und wunderschön verziertem Rand, der abrupt an einer Stelle endete, wo das Gefäß - einstmals über einen halben Meter hoch - in vier Teile zerbrochen worden war, aufhub. 'Das war assyrisch'. Die Assyrer herrschten hier fast 2000 Jahre vor Christi Geburt.

Und was taten die Amerikaner als neue Herrscher von Baghdad? Nun, gestern morgen rekrutierten sie die verhassten Polizisten des alten Regimes um in ihrem Namen Recht und Gesetz zurückzubringen. Die letzte Armee, die so etwas versucht hat war Mountbattens Armee in Südost-Asien nach der Rückeroberung Indo-Chinas in 1945, als sie die besiegte japanische Armee einsetzte, um - mit aufgesetzten Bajonetten - die Straßen von Saigon zu kontrollieren.

Eine Reihe von respektabel gekleideten ehemaligen Baghdader Polizisten wartete außerhalb des Palestine Hotels in Baghdad nachdem sie eine Radiodurchsage gehört hatten, die sie aufforderte, ihren Dienst auf den Straßen wieder aufzunehmen. Am späten Nachmittag erschienen mindestens acht ehemalige und stattliche Polizeioffizere, alle in grünen Uniformen - der selben Farbe wie die Uniformen der Baath-Partei - um den Amerikanern ihre Dienste anzubieten. Aber es gab keine Anzeichen, daß auch nur einer von ihnen zum Museum für Archäologie gesendet werden würde.

Aber die 'Befreiung' hat sich schon längst zur Besatzung gewandelt. Mit einer wütenden Menschenmenge konfrontiert, die eine neue irakische Regierung für ihren 'Schutz und Frieden' forderte, standen US Marines, die ihnen diese Sicherheit geben sollten, am Firdos Square ihnen mit schußbereiten Waffen, Schulter an Schulter, gegenüber. Die Realität ist, daß die Amerikaner und, natürlich, Mr. Rumsfeld nicht verstanden haben, daß unter Saddam Hussein immer die Shiiten die Armen und Benachteiligten waren, wohingegen die Sunniten (wie Saddam Hussein) zur Mittelschicht gehörten. Daher erleiden jetzt die Sunniten Plünderungen durch die Hand der Shiiten.

Und so sind die Kämpfe, die gestern zwischen Besitzern und Plünderern ausbrachen im Endeffekt ein Konflikt zwischen Sunniten und Shiiten. Dadurch, daß die Amerikaner durch ihr Nichtstun diese Gewalt nicht verhindern provozieren sie einen Bürgerkrieg in Baghdad.

Gestern abend fuhr ich über eine Stunde lang durch die Stadt. Hunderte Straßen sind jetzt durch Straßensperren versperrt, bewacht von bewaffneten Männern, die bereit sind, Fremde die ihre Häuser oder Geschäfte bedrohen zu töten. Und genau so begann der Bürgerkrieg in Beirut 1975.

Einige Streifen der US Marines wagten sich gestern in die Vororte und postierten sich neben Krankenhäusern, die bereits geplündert worden waren, aber Feuer brannten bei Sonnenuntergang in der ganzen Stadt wie an den vorangegangenen Tagen. Das Gemeindehaus verbrannte letzte Nacht und am Horizont sandten große Feuer ihre Rauchsäulen kilometerhoch in den Himmel.

Zu wenig, zu spät. Gestern tauchte eine Gruppe von Chemietechnikern und Kläranlagenarbeitern am US Marines Hauptquartier auf, um Schutz zu erbitten, damit sie zurück an ihre Arbeit gehen könnten. Techniker der Stromversorgung kamen auch. Aber Baghdad ist bereits eine Stadt im Krieg mit sich selbst, der Gnade von Dieben und Bewaffneten unterworfen.

Es gibt in Baghdad keine Elektrizität - ebensowenig wie Wasser, Recht oder Gesetz - und so stolperten wir durch die Dunkelheit des Kellers des Museums, stießen an umgestürzte Statuen und stolperten über zerbrochene geflügelte Stiere. Als ich den Schein meiner Fackel über ein Regal gleiten lies, hielt ich den Atem an. Jeder Topf und jeder Krug - '3.500 vor Christi' stand an der Ecke des Regals - war zertrümmert worden.

Warum? Wie konnten sie das tun? Warum, wo die Stadt schon in Flammen stand, der Anarchie freier Lauf gelassen wurde - und knapp drei Monate nachdem US Archäologen und Pentagon Mitarbeiter sich getroffen hatten um die Schätze des Landes zu besprechen und das Museum in eine militärische Datenbank aufzunehmen - erlaubten die Amerikaner dem Mob, das Vermächtnis des antiken Mesopotamiens zu zerstören? Und all das passierte, während US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld über die Presse spottete, weil diese behauptete, die Anarchie wäre in Baghdad ausgebrochen.

Über 200 Jahre lang haben westliche und einheimische Archäologen die Überbleibsel der frühen Zivilisation aus Palästen und 3000 Jahre alten Gräbern zusammengetragen. Ihre zehntausenden von handgeschriebenen Verzeichniskarten - häufig in englisch und in graziöser Handschrift des 19. Jahrhunderts - liegen jetzt verstreut zwischen zerbrochenen Säulen. Ich hob eine kleine Karte auf. 'Spätes 2. Jahrhundert, Nr. 1680' stand auf der Innenseite.

Um den Lagerraum zu erreichen hatte die Meute massive Stahltüren aufgebrochen als sie von einem Hinterhof aus eindrangen. Sie luden Statuen und Schätze auf Autos und Lastwagen.

Die Plünderer waren nur wenige Stunden vor meiner Ankunft verschwunden und niemand - nicht einmal der Museumswächter in seinem grauen Anzug - wußte, wieviel sie mitgenommen hatten. Ein Glaskasten, der einmal 40.000 Jahre alte Steinobjekte zeigte war aufgeschlagen worden. Er war leer. Niemand weiß, was aus den assyrischen Reliefs aus dem königlichen Palast von Khorsabad wurde, oder aus den 5.000 Jahre alten Siegeln oder aus den 4.500 Jahre alten goldenen Ohrringen, die einst mit sumerischen Prinzessinen begraben wurden. Es wird Jahrzehnte dauern, um das Übriggebliebene, die zerbrochenen Steintorsos, die Grabschätze, die Schmuckstücke, die aus Haufen von zerschmetterten Töpfen schimmern, aufzunehmen.

Die Menschen, die hierher kamen, größtenteils Shiiten aus den Hütten von Saddam City, hatten vermutlich keine Vorstellung von dem Wert der Töpfe und Statuen. Ihre Zerstörung scheinen das Ergebnis von Ignoranz und Raserei zu sein. In der großen Museumsbücherei sind anscheinend nur einige Bücher - größtenteils archäologische Arbeiten des mittleren 19. Jahrhunderts - gestohlen oder zerstört worden. Plünderer messen Büchern keinen großen Wert bei.

Ich fand einen kompletten, unbeschädigten Satz des Geographical Journal von 1893 bis 1936, daneben lag ein Band mit dem Titel 'Baghdad, die Stadt des Friedens', aber tausende von Indexkarten waren aus ihren Kästen über die Treppen und Gänge verstreut worden.

Britische, französische und deutsche Archäologen spielten eine große Rolle bei der Entdeckung einiger der größten Schätze des Irak. Die große britische Arabienkennerin, Diplomatin und Spionin Gertrude Bell, die 'ungekrönte Königin des Irak', deren Grab nicht weit entfernt des Museums liegt, war eine große Unterstützerin ihrer Arbeit. Die Deutschen bauten das heutige Museum am Ufer des Tigris und gerade im Jahr 2000 war es nach neun Jahren - seit des ersten Golfkriegs - wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Selbst als die Amerikaner Baghdas umzingelten zeigten Saddam Husseins Soldaten fast die gleiche Verachtung für seine Schätze wie die Plünderer. Ihre Schützengräben und leeren Artilleriepositionen sind noch deutlich im Rasen des Museums zu sehen, einer von ihnen neben einer großen Statue eines geflügelten Stiers gegraben.

Es ist nur ein paar Wochen her, daß Jabir Khalil Ibrahim, Direktor der irakischen Behörde für Antiquitäten, die Stücke des Museums als das 'Erbe der Nation' bezeichnete. Er sagte, sie wären 'nicht nur Dinge, die man anschaut um sich daran zu erfreuen', Iraker würden 'durch sie gestärkt in die Zukunft zu blicken. Sie repräsentieren den Ruhm des Iraks'.

Mr. Ibrahim ist verschwunden, genau wie viele andere Staatsangestellte in Baghdad, und Mr. Abdul-Jaber und seine Kollegen versuchen jetzt mit Kalaschnikows zu verteidigen, was von der Geschichte des Landes noch übrig ist. 'Wir möchten keine Waffen haben, aber jeder muß sie jetzt haben', sagte er mir. 'Wir müssen uns selbst verteidigen weil die Amerikaner dies geschehen lassen. Sie führten einen Krieg gegen einen Mann, also warum lassen sie uns in diesem Krieg und mit diesen Kriminellen allein?'

Eine halbe Stunde später nahm ich Kontakt mit der Einheit für zivile Angelegenheiten der US MArines in Saadun Street auf und gab ihnen die genaue Position des Museums und den Zustand seiner Ausstellungsstücke. Ein Captain sagte mir, daß sie 'wahrscheinlich dorthin gehen werden'. Zu spät. Die irakische Geschichte wurde schon von Plünderern zerstört, die von den Amerikanern während ihrer 'Befreiung' entfesselt wurden.

'Sie sind Amerikaner!' rief mir eine Frau gestern morgen auf englisch zu, fälschlicherweise annehmend, ich käme aus den USA. 'Gehen sie zurück in ihr Land. Verschwinden sie hier. Sie sind hier nicht erwünscht. Wir hassten Saddam und jetzt hassen wir Bush weil er unsere Stadt zerstört.' Es war eine Gnade, daß sie nicht das Museum besuchen konnte um zu sehen, daß das Vermächtnis ihres Landes genau wie ihre Stadt zerstört worden war.





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