www.Freace.de


Nachrichten, die man nicht überall findet.




Menschenversuche in Großbritannien
02.10.2003


Antony Barnett

http://observer.guardian.co.uk/uk_news/story/0,6903,1051293,00.html







Wie die meisten 19-Jährigen hatte Alfred Thornhill niemals jemanden sterben sehen. Als der Auszubildende zum Techniker aus Salford seiner Einberufung zum Militärdienst nachkam, dachte er, er würde mit allem fertig werden.

Zum Sanitätsdienst eingeteilt wurde der selbstsichere Teenager für einen Monat nach Porton Down, dem streng geheimen Chemiewaffen-Labor in Wiltshire, verlegt. Er war stolz, seinen Teil für das Land beizutragen.

Aber nichts hätte den jungen Einwohner Manchesters auf die schrecklichen Ereignisse vorbereiten können, die er an einem Morgen im Mai des Jahres 1953 mitansehen mußte. Nachdem er zu einem Notfall gerufen worden war, sah er Szenen, die ihn ein halbes Jahrhundert lang verfolgen würden und die ihn ins Zentrum einer Untersuchung über die dunkelsten Stunden in der Geschichte des britischen Militärs bringen würden.

Bis heute hatte Thornhill - jetzt ein 70 Jahre alter Pensionär - nie öffentlich darüber gesprochen, was er gesehen hat. Er fürchtete, daß das Verteidigungsministerium ihn ins Gefängnis stecken würde.

Er hat jetzt sein Schweigen gebrochen, um von dem Tag zu erzählen, als er an Porton Downs Gaskammer ankam und den von Krämpfen geschüttelten Körper des 20 Jahre alten Ronald Maddison auf dem Boden sah, wie er Substanzen aus seinem Mund spuckte.

Thornhills Augenzeugenbericht wird ein Eckpfeiler der wiedereröffneten Untersuchung von Maddisons Tod, die in den nächsten Wochen beginnen wird, sein.

Maddison, ein Techniker der Royal Air Force (RAF) aus County Durham war von Wissenschaftlern des Verteidigungsministeriums als ein menschliches Versuchskaninchen bei Experimenten mit dem tödlichen Nervengas Sarin benutzt worden. Wie Hunderte andere Soldaten hatte Maddison sich freiwillig für die Versuche gemeldet, in dem Glauben, nach Porton Down zu gehen, um dort an einigen "sanften" Experimenten teilzunehmen, um ein Heilmittel für Erkältungen zu finden. Stattdessen benutzten sie Maddison, indem sie Sarin auf seine Haut tropften, um die Dosierung des tödlichen Nervengiftes herauszufinden.

Thornhills Berichte über die qualvollen letzten Stunden von Maddisons Leben werfen ein Licht auf die dunkle Geschichte dieser geheimen Einrichtung und die schockierenden Experimente, die an Freiwilligen durchgeführt wurden. Hunderte sind vermutlich vorzeitig gestorben oder haben Krankheiten wie Krebs, motorische Störungen oder Parkinson bekommen. Trotz der Trauer und der Wut von Überlebenden und ihren Familien haben im Laufe der Jahrzehnte die Regierungen versucht, den Skandal geheimzuhalten. Aber Thornhills Aussage könnte all das ändern.

"Ich hatte nie zuvor jemanden sterben sehen und was dieser Bursche durchmachte war absolut grauenvoll... es war schrecklich", sagte er. "Es war als würde er durch Stromschläge getötet, sein ganzer Körper zuckte. Ich habe gesehen, wie jemand einen epileptischen Anschlag hatte, aber Sie haben noch nie so etwas gesehen, was diesem Burschen passiert ist... die Haut vibrierte und es kam dieses schreckliche Zeug aus seinem Mund... es sah aus wie Froschlaich oder Tapioka."

Thornhill erinnert sich, daß eine Reihe von Wissenschaftlern um Thornhill herumstanden. "Man konnte die Panik in ihren Augen sehen - ein Typ sah auh, als würde er versuchen, seinen Kopf herunterzuhalten. Vier von uns nahmen ihn vom Boden und brachten ihn in den Krankenwagen. Er hatte immer noch diese starken Krämpfe und wir fuhren ihn zur medizinischen Abteilung in Porton."

Bis wir dort ankamen, waren alle anderen Verletzten verlegt worden und Männer in weißen Jacken standen um ein Bett herum.

Man sagte Thornhill, daß er Maddison herübertragen sollte und das war der Augenblick, als der junge Krankenwagenfahrer ein zweites Bild sah, das ihn für Jahrzehnte verfolgen sollte.

"Ich sah, wie sein Bein sich vom Bett erhob und ich sah, wie seine Haut begann, sich blau zu färben. Es begann am Knöchel und breitete sich sein Bein hoch aus. Es war, als würde man jemandem dabei zusehen, wie er eine blaue Flüssigkeit in ein Glas gießt, es begann sich zu füllen. Ich stand neben dem Bett und starrte ihn fassungslos an. Es war, als würde man etwas Außerirdisches sehen und dann kam einer der Ärzte mit der größten Nadel, die ich je gesehen habe. Sie hatte die Größe einer Fahrradpumpe und senkte sich auf den Körper des Burschen. Die Schwester sah, wie ich mit offenem Mund zusah und schickte mich raus."

Am nächsten Tag war Thornhill "am Boden zerstört" als ein Stabsarzt ihm mitteilte, daß der junge Mann gestorben war. Er erinnert sich, daß die gesamte medizinische Abteilung nach Dettol stank, als wäre es überallhin gesprüht worden, um die Zimmer zu dekontaminieren. Thornhill wurde daraufhin aufgefordert den Leichnam in die Leichenhalle des Salford General Hospital zu fahren und man befahl ihm, Seitenstraßen zu benutzen.

"Es gab unter den Kameraden eine Menge Gerede über Nervengas und Senfgas und solche Sachen, aber niemand wußte wirklich, was vorging. Zu der Zeit vertraute man den Behörden und stellte nicht zu viele Fragen. Man kümmerte sich um die eigenen Angelegenheiten."

Es gab noch einen weiteren Grund, warum Thornhill nichts sagte. "Ich wurde in ein Büro bestellt, wo mir ein Stabsarzt die Leviten las. "Ich mußte etwas unterschreiben und er sagte mir, daß ich, sollte ich jemals ein Wort über das, was ich in Porton Down gesehen habe, verlieren, in Gefängnis kommen würde. Ich hatte Angst und wollte nicht ins Gefängnis und so erzählte ich keinem der anderen Burschen, was ich gesehen hatte."

Seit dem hat Thornhill häufig Flashbacks der schrecklichen Ereignisse, die er gesehen hat, erlebt, hat aber nie jemandem außerhalb des engsten Familienkreises davon erzählt. "Ich habe oft Dinge in den Nachrichten oder im Fernsehen gesehen, die alles wieder hervorbrachten. Ich erinnere mich daran, die Nachrichten von der Vergasung der Kurden durch Saddam Hussein gesehen zu haben und konnte nicht aufhören, an den jungen Burschen zu denken."

50 Jahre lang war es für Thornhill schwierig, nicht darüber nachzudenken, wer der sterbende Mann war. "Mir fiel seine blaue RAF-Hose unter dem blauen Overall auf, aber das ist alles, was ich je von ihm wußte. Ich dachte, er war vielleicht verheiratet und seine Frau oder seine Eltern würden wissen wollen, was passiert ist und daß jemand bei ihm war, als er starb. Ich war gerade verlobt und ich hätte gehofft, daß jemand das gleiche für mich tut."

Aber erst in diesem Sommer, als er einen Bericht eines lokalen Radiosenders in Manchester über eine polizeiliche Untersuchung des Todes des RAF-Technikers Ronald Maddison in Porton Down hörte, paßte alles zusammen. "Als ich es hörte, wußte ich, daß er es war, daß es Maddison war. Es war das richtige Datum, er war in der RAF und sie sagten, er wäre die einzige Person, die in Porton gestorben ist."

Thornhill rief bei der Polizei von Wiltshire an, die die Untersuchung durchführte, und ein Team reiste am nächsten Tag nach Manchester, um ihn zu befragen. Er gab ihnen eine neunseitige Erklärung, in der er alles was er über Porton Down wußte und in seiner Zeit dort gesehen hatte, detailliert aufführte. Eine ursprüngliche Untersuchung des Verteidigungsministeriums wurde im Geheimen in 1953 durchgeführt und kam zu dem Schluß, daß es sich um einen Tod durch einen Unglücksfall handelte.

Obwohl die polizeilichen Ermittlungen über die Vorfälle in Porton Down keine ausreichenden Beweise erbrachten, um ein Strafverfahren zu beginnen, wurden ihre Ergebnisse dem Lordoberrichter Woolf übergeben, der entschieden hat, daß die Untersuchung wieder eröffnet werden muß. Die Anwälte von Maddisons Familie und die hunderte weiteren Freiwilligen, die unter Folgeerkrankungen gelitten haben, hoffen auf ein Urteil einer "rechtswidrigen Tötung."

Thornhill möchte jetzt Maddisons Familie treffen, damit er mit ihnen über das, was er gesehen hat, sprechen kann. "Was dieser Bursche durchmachte war grauenvoll, es hätte nicht zugelassen werden dürfen, daß das irgendjemand passiert. Wir reden davon, daß Saddam Hussein sein eigenes Volk vergast hat, aber was wir in Porton Down getan haben war das gleiche... Ich möchte, daß seiner Familie Recht widerfährt."

Nachdem Thornhill jetzt, 50 Jahre später, bereit ist zu sprechen, könnte Maddisons Familie genau das bekommen.


Porton Down war 1916 als ein Forschungszentrum am Rande von Salisbury Plain gegründet worden, um Großbritannien dabei zu helfen, den Rückstand zur deutschen Chemiewaffentechnologie aufzuholen.

Als Alfred Thornhill dort im Jahr 1953 als Krankenwagenfahrer arbeitete, glaubte der britische Geheimdienst, daß die Sowjets große Mengen von Nervengiften wie Sarin horteten, die sofort töten oder Lähmungen, Krämpfe und Atemprobleme verursachen können. Wissenschaftler in Porton Down wollten die exakte Dosis, um solche Symptome auszulösen, in Erfahrung bringen.

Von 1945 an wurden über 3.000 Männer in die Gaskammer geschickt wo ihnen unterschiedliche Mengen Nervengas mit einer Pipette auf dem Arm getropft wurde. Viele glaubten, sie würden helfen, ein Heilmittel für die Erkältung zu finden.

Ronald Maddison starb 45 Minuten nachdem ihm 200 Milligramm des tödlichen Nervengiftes Sarin auf ein Stück seiner Uniform an seinem Arm getropft worden war. Der Bericht des Leichenbeschauers wurde nie veröffentlicht, aber Lordoberrichter Woolf hat jetzt eine neue Untersuchung angeordnet.




Zurück zur Startseite





Impressum und Datenschutz

contact: EMail