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Warum Sharon gefährlich ist
14.10.2003


Gideon Samet

http://www.haaretz.com/hasen/spages/348473.html







Warum? Weil er nicht einmal versucht, sein Versprechen vom Frieden zu halten und sein Versprechen von Sicherheit wertlos gemacht hat. Weil er ein verdammter Abenteurer ist, der über Gefahren spottet, selbst wenn das Volk den Preis dafür zahlen muß. Weil er diese Woche die Aufwiegelung gegen die Linke wiederbelebt hat anläßlich eines Friedensabkommens, das zusammen mit hochrangigen palästinensischen Persönlichkeiten entwickelt worden war. Weil die Schritte eines besonders fähigen Taktikers besonders gefährlich sind.

Viele bekannte Gründe dafür, daß Sharon eine politische Zeitbombe ist, kommen einem sofort in den Sinn. Hier sind eine Reihe weitere, die erst nach dem zweiten oder dritten Nachdenken einfallen.

* Sie glauben ihm: Die unglaubliche und gefährliche Sache ist, daß die Israelis trotz allem noch ihm und an ihn glauben. Sharon hat die Kunst der politischen Täuschung bis zu einer derartigen Präzision verfeinert, daß seine Opfer passive und sogar zufriedene Beobachter werden. Das ist das Sharon-Paradoxon: Die Situation unter seiner Führung ist so schrecklich, daß die Mehrheit, die nach einer Illusion eines Fortschritts lechzt, es vorzieht, nicht zu glauben, daß die Situation so abscheulich ist, wie sie ist.

* Der Erfolg des Versagens: Dies ist der Grund, warum Sharon immer noch in der Lage ist, leere Hoffnungen zu säen, daß die Dinge sich bessern werden - wenn man nur ein bißchen wartet, und dann noch ein bißchen länger. Unter normalen Bedingungen würde diese Taktik nach drei Jahren solcher Unstimmigkeiten zwischen Hoffnung und Verzweiflung zusammenbrechen. Aber Sharon ist sehr gefährlich aufgrund seiner gewaltigen Fähigkeiten, die Öffentlichkeit, üblicherweise bekannt für ihre launischen Zweifel, dazu zu bringen, ihren Unglauben in direktem Verhältnis zur Schwere der nationalen Zwickmühle zu unterdrücken. Paradoxon Nummer zwei verspricht, die Sharon-Gefahr lebendig zu halten: Da sich die Misere des Landes verschlechtert, verlassen sich die Israelis immer mehr auf einen "starken Mann", der sie aus dem Problemen retten wird - selbst wenn der erhoffte Retter selbst zum großen Teil dafür verantwortlich ist, daß sie überhaupt in die Probleme geraten sind. Sharon verdient einen Nobelpreis für seine Entdeckung des "Erfolgs des Versagens."

* Er hat Sinn für Humor: Der zuvor genannte Widerspruch hat auch eine komische Seite, als wäre es eine Regiearbeit von Eli Yatzpan. Abba Eban sagte gern, daß Israel keine Bananenrepublik ist, aber eine Republik, die auf Bananen ausrutscht. Sharon schafft es, sein wiederholtes auf-Bananen-ausrutschen amüsant zu gestalten, während dem Volk der Hintern weh tut. Er kann kichern wie Yatzpan und so liebenswert sein wie der Impressario der "Videos der lustigsten Fehltritte" Yigal Shilon. Er ist sogar seinen Tick losgeworden. Wenn ein gefährlicher Staatsmann auch noch einen Sinn für Humor hat, ist es Zeit, die schußsicheren Westen anzulegen.

* Der Feind als Kollaborateur: Ein anderer gefährlicher Staatsmann, der sein Zittern verloren hat, Yasser Arafat, ist tatsächlich ein wichtiger Partner auf Sharons gewundenem Weg. Vom Libanon bis heute hat Arik Yasser verfolgt wie Sherlock Holmes auf der Spur von Moriarty. Aber es gibt Gründe für den Verdacht, daß er nicht wirklich an Arafats Verschwinden interessiert ist. Wenn sein legendärer Gegner weg wäre, müßte Sharon einen neuen erfinden.

Wie der griechische Poet Constantin Cavafy in seinem Gedicht über die Verzweiflung der römischen Senatoren, die sinnlos "auf die Barbaren wartend" herumsaßen, schrieb: "Was soll nun aus uns werden ohne die Barbaren? Diese Leute waren eine Art Lösung." Dies ist ein weiteres Geheimnis seiner gefährlichen Politik - den Feind aufrechtzuerhalten um sich selbst zu rechtfertigen. Fragt sich, welche "schwierige Zeit" er zwischen Krisen manipuliert hätte ohne den palästinensischen Haken, an dem er alle unsere Probleme aufhängen konnte.

* Die Rückkehr vergangenen Ruhms: Inmitten der nationalen Schwäche weiß Sharon, wie er ablenkende Bilder von Macht schaffen kann, wie zum Beispiel mit dem gefährlichen Bombenangriff auf Syrien. Er hat einmal gesagt, daß die israelischen Streitkräfte bis Odessa reichen könnten. Indem er die Luftstreitkräfte derart einsetzt, scheint er für eine Bombardierung des iranischen Atomreaktors zu üben. Nach einem Monat des wiederdurchlebten Leidens zum Jahrestag des Yom Kippur-Krieges war der Angriff auf Syrien wie ein Versprechen an eine entmutigte Nation, daß der Ruhm des Sechs-Tage-Krieges, diese verblassende blau-weiße Erhabenheit, zurückkehren würde. Bringt euch in Deckung.

* Das Blöken der Schafe: Nehmt euch in Acht vor verschlagenen Anführern, die häufig beobachtet werden können, wie sie sanft ein Tier tätscheln. M's Gegenspieler in den James Bond-Filmen wäre nicht so bedrohlich gewesen, hätte er nicht das kleine Kätzchen im Arm gehabt. Sharon steigt in die Höhen der Zärtlichkeit, wenn er bei seinen blökenden Schafen ist - auf seinem Bauernhof und in der Regierung. Kommt schon, wirklich, wie könnte so ein weicher, netter Mann überhaupt gefährlich sein?




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