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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Nach den Worten der USA handeln, nicht nach ihren Taten
31.10.2003


Joseph Stiglitz

http://www.guardian.co.uk/comment/story/0,3604,1073042,00.html







Heutzutage teilt man vielen Wachstumsmärkten, von Indonesien bis Mexiko, mit, daß es eine bestimmte Vorgehensweise gibt, an die sie sich halten müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Die Botschaft ist eindeutig: so machen es fortschrittliche Industrienationen und haben es gemacht. Um in den Club zu kommen, müßt ihr es genauso machen. Die Reformen werden schmerzhaft sein, erworbene Rechte werden Widerstand leisten, aber mit ausreichend politischem Willen werdet ihr den Erfolg ernten.

Jedes Land erstellt eine Liste mit Dingen, die getan werden müssen und jede Regierung wird für die Durchführung verantwortlich gemacht. Ein ausgeglichener Staatshaushalt und die Kontrolle der Inflation stehen weit oben auf der Liste, aber ebenso Strukturreformen. In Mexikos Fall ist die Öffnung der Stromwirtschaft, die die mexikanische Verfassung allein dem Staat zuspricht, die Strukturreform des Tages, die vom Westen gefordert wird. Und so loben Analysten Mexiko für seine Fortschritte, seinen Haushalt und die Inflation zu kontrollieren aber kritisieren es für die fehlenden Fortschritte bei der Stromreform.

Als jemand, der intim in den Prozeß der Entwicklung von Wirtschaftspolitik in den USA eingebunden war, war ich immer wieder betroffen über die Unterschiede zwischen der Politik, die Amerika Entwicklungsländern aufdrängt und der, die es in den USA selbst praktiziert. Aber Amerika ist nicht allein: die meisten anderen erfolgreichen Entwicklungsländer und entwickelten Länder verfolgen eine "ketzerische" Politik.

Beispielsweise akzeptieren jetzt beide politischen Parteien in den USA, daß, wenn ein Land in einer Rezession ist, es nicht nur gestattet, sondern sogar zu bevorzugen ist, Defizite zu machen. Entwicklungsländern aber wird gesagt, daß ihre Zentralbanken sich ausschließlich auf Preisstabilität konzentrieren sollen. Amerikas Zentralbank, das Federal Reserve Board, hat die Aufgabe, Wachstum, Beschäftigung und Inflation auszubalancieren - eine Aufgabe, die ihr die öffentliche Unterstützung bringt.

Während Anhänger der freien Marktwirtschaft auf Wirtschaftspolitik fluchen unterstützt die Regierung in den USA aktiv neue Technologien und hat dies schon seit langer Zeit getan. Die erste Telegraphenleitung wurde von der amerikanischen Bundesregierung im Jahr 1842 gebaut, das Internet wurde vom US-Militär entwickelt und ein großer Teil des aktuellen amerikanischen Technologiefortschritts basiert auf von der Regierung geförderten Forschungsprojekten für Biotechnologie oder Verteidigung.

Ebenso ist das amerikanische Sozialversicherungssystem, während vielen Ländern gesagt wird, sie sollten ihre Sozialversicherungen privatisieren, effizient (mit Transaktionskosten, die nur einen Bruchteil der Privatrenten ausmachen) und Kunden sprechen darauf an.

Ebenso, wie das amerikanische Sozialversicherungssystem sich jetzt dem Problem mangelnder Finanzierung gegenübersieht, geht es einem großen Teil von Amerikas privaten Rentenversicherern. Und das staatliche Rentenversicherungssystem hat den Älteren eine Art Sicherheit gegeben - gegen Inflation und den Aktienmarkt - was der private Markt nicht getan hat.

Viele Aspekte der amerikanischen Wirtschaftspolitik tragen erheblich zum Erfolg des Landes bei, werden aber kaum in Diskussionen über Entwicklungsstrategien erwähnt. Seit mehr als 100 Jahren haben die USA ein starkes Kartellrecht, das private Monopole in vielen Bereichen, wie dem Öl, zerschlagen hat. In einigen Wachstumsmärkten ersticken Telekommunikationsmonopole die Entwicklung des Internets und damit das Wirtschaftswachstum. In anderen enthalten Handelsmonopole den Ländern die Vorteile der internationalen Konkurrenz vor.

Die US-Regierung hat auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Finanzmärkte des Landes gespielt - indem Kredite direkt oder durch staatlich finanzierte Unternehmen gewährt wurden und durch die teilweise Absicherung eines mindestens eines Viertels aller Kredite. Fannie Mae, die von der Regierung geschaffene Organisation, die für die Vergabe von Hypotheken an Mittelklasse-Amerikaner zuständig ist, hat dazu beigetragen, daß die Hypothekenkosten gesunken sind und hat eine wichtige Rolle dabei gespielt, Amerika zu einem der Länder mit dem höchsten Anteil an privatem Wohneigentum zu machen.

Die Small Business Administration hat das Kapital zur Verfügung gestellt, um kleinen Unternehmen zu helfen - von denen einige, wie Federal Express, zu großen Unternehmen geworden sind. Heute sind bundesstaatliche Studentenkredite ein zentraler Punkt, um allen Amerikanern den Zugang zu weiterführenden Schulen zu sichern, wie früher, als staatliche Finanzierung geholfen hat, jeden Amerikaner mit Strom zu versorgen.

Gelegentlich hat Amerika mit Ideologien der freien Marktwirtschaft und Deregulierung experimentiert - manchmal mit katastrophalen Auswirkungen. Präsident Reagans Deregulierung der Spar- und Darlehenskassen hat zu Bankzusammenbrüchen geführt, die zu der Rezession von 1991 beigetragen haben.

Jene in Mexiko, Brasilien, Indien und anderen Wachstumsmärkten sollten eine andere Botschaft erhalten: nicht nach einer mythischen freien Marktwirtschaft zu streben, die niemals existiert hat. Folgt nicht den Lobliedern der gesonderten Interessen der USA, denn, obwohl sie freie Marktwirtschaft predigen, verlassen sie sich zuhause darauf, daß die Regierung ihre Ziele vorantreibt.

Stattdessen sollten sich entwickelnde Wirtschaften genau ansehen, nicht was die USA sagen, sondern was sie in den Jahren getan haben, als sie zu einer Industriemacht wurden und was sie heute tun. Es gibt eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen dieser Politik und den Maßnahmen, die von den höchst erfolgreichen ostasiatischen Wirtschaften in den letzten zwei Jahrzehnten ergriffen wurden.


Joseph Stiglitz, Wirtschaftsprofessor an der Columbia University, ist ein Nobelpreisgewinner und Autor des Buchs "Die Schatten der Globalisierung"



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