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"Kann Israel seine atomare Überlegenheit im Mittleren Osten erhalten?"
19.09.2003


Erich Marquardt

http://www.pinr.com/report.php?ac=view_report&report_id=89&language_id=1







Im Mittleren Osten ist Israel der einzige Staat, der Atomwaffen entwickelt und erlangt hat. Israels Atomwaffenprogramm begann im Jahr 1952 mit der Gründung der Israelischen Atomenergiekommission (IAEC). Mit der Unterstützung Frankreichs bauten israelische und französische Techniker heimlich einen 24 Megawatt-Reaktor in Dimona, in der Negevwüste in Südisrael. Israel wurde schließlich von Frankreich gedrängt, die Existenz dieses Atomreaktors zu veröffentlichen, was es dann auch unter dem Vorwand, friedliche Atomenergie herzustellen, tat. Als US-Waffeninspektoren dem Dimona-Reaktor in den 60ern besuchten, war es ihnen nicht möglich festzustellen, ob Israel heimlich Atomwaffen entwickelte. Der Federation of American Scientists zufolge lag dies größtenteils an der massiven Geheimhaltung der Israelis, wie beispielsweise dem Einbau "falscher Bedienfelder und dem Zumauern von Aufzügen und Gängen, die in bestimmte Gebiete der Anlage führten."

Der vorrangige Grund für das israelische Atomwaffenprogramm war, das Überleben des Staates vor den mächtigeren Staaten des Mittleren Ostens zu schützen. Ernst David Bergmann, der erste Vorsitzende des IAEC, sagte, daß Israel eine Atommacht werden müsse, um sicherzustellen, "daß wir nie wieder als Lämmer zur Schlachtbank geführt werden." Tatsächlich sagt die Federation of American Scientists, daß der israelische Premierminister Levi Eshkol während des Sechs-Tage-Kriegs 1967, als Israel vermutlich zwei Atombomben besaß, angeordnet hatte, diese für den Fall, daß ein offensiver Angriff mit Atomwaffen nötig werden sollte, scharfzumachen. Darüberhinaus - und noch aufschlußreicher, warum Israel Atomwaffen besitzen wollte - sagt die Federation of American Scientists, daß Israel im Yom Kippur Krieg 1973, als Ägypten und Syrien israelische Positionen im Sinai und den Golanhöhen angriffen, dreizehn 20-Kilotonnen-Atombomben baute für den Fall, daß Israel einer Niederlage nahe kommen sollte.

Mit Blick auf die Beispiele der Kriege von 1967 und 1973 waren die israelischen Atomwaffenprogramme als eine letzte militärische Möglichkeit entwickelt worden. Wenn Israel gedroht hätte, von den umliegenden Staaten besiegt zu werden hätte es mit seinem Atomarsenal zuschlagen können und so den Krieg zu seinen Gunsten wenden. Diese Überlebensstrategie ist der Grund, warum Israel so unnachgiebig darauf bestanden hat, seine Rivalen daran zu hindern, ebenfalls in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen. Sollte Israel einen Krieg mit einem mit Atomwaffen gerüsteten Staat führen und den Konflikt verlieren wäre es viel zu gefährlich, einen Atomangriff gegen eine Atommacht zu führen, denn in dem Fall müßte Israel mit einem massiven nuklearen Gegenschlag rechnen. Ein massiver nuklearer Gegenschlag gegen einen Staat, der so klein wie Israel ist, könnte zu enormen Opferzahlen, die zu schwerwiegend wären, als daß der Staat sie bewältigen könnte oder einfach zur Auslöschung führen.

Seit dem Krieg 1973 hat die Macht Israels jedoch zugenommen, während seine Feinde schwächer geworden sind. Der große Konflikt zwischen Irak und Iran in den 80ern hat dazu beigetragen, die Macht der beiden Länder zu verringern, was indirekt im Interesse Israels lag. Daher hat das israelische Atompotential, statt als letzte militärische Möglichkeit zu fungieren, der israelischen Außenpolitik genügend Überlegenheit für drastische militärische Aktionen gegen seine Nachbarn verliehen. Der ernsteste solcher Vorfälle ereignete sich am 6. Juni 1982, als israelische Soldaten in den Libanon einmarschierten um zu versuchen, militärische Hochburgen der PLO zu zerstören und die florierende Hauptstadt Beirut unter Belagerung zu bringen. Nachbarstaaten waren zu dem Zeitpunkt nicht in der Lage, es mit der militärischen Stärke Israels aufzunehmen und konnten auch nicht die atomare Erpressung benutzen, um die außenpolitischen Ziele Israels zu beschneiden.

Durch die israelische Atomüberlegenheit haben gegnerische Staaten im Mittleren Osten versucht, den israelischen Vorsprung durch Atomwaffen zunichte zu machen, indem sie selbst Atomwaffen entwickelten. Der einprägsamste dieser Versuche wurde von der Baath-Partei im Irak unternommen, als Baghdad in den 70ern und 80ern begann, Nukleartechnologie zu erlangen. 1981, als Baghdad dicht davor stand, einen Atomreaktor in Osirak fertigzustellen, entschloß sich Israel, einen Militärschlag durchzuführen, um den Reaktor zu zerstören. Israel war zwar bewußt, daß, selbst wenn Baghdad in den Besitz von Atomwaffen gelangen sollte, diese höchstwahrscheinlich nicht gegen Israel eingesetzt würden, die Führung in Tel Aviv wollte aber nicht ihre atomare Überlegenheit aufgeben und so einen Teil der außenpolitischen Vormachtstellung in der Region verlieren. Israel wollte außerdem ein zukünftiges Szenario vermeiden, bei dem Israel und der Irak sich in einem Konflikt gegenüberstehen und Israel seine letzte militärische Möglichkeit, einen nuklearen Angriff auf den Irak um so den Krieg zu seinen Gunsten zu wenden, nicht ausüben könnte.

Nachdem Israel den Osirak-Reaktor angegriffen hatte, erkannte Baghdad die eigene Unsicherheit. Die Führung in Baghdad erkannte, daß sie ein mächtiges Atomwaffenprogramm benötigten, um zukünftige israelische Versuche, die irakische Macht zu beschränken, zu verhindern. Nachdem sie dies verstanden hatten, begann Baghdad sein Atomwaffenprogramm in der Hoffnung, schnell eine nukleare Abschreckung entwickeln zu können, um so zukünftige israelische Angriffe verhindern zu können, voranzutreiben.

Nach der Invasion in Kuwait und der Demonstration der wachsenden Macht des Iraks befürchteten die USA, daß der Irak Instablilität im Mittleren Osten verursachen könnte - sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Die damalige Bush-Regierung befürchtete, nur ein schmales Zeitfenster zu haben, um zu handeln, um die irakische Regierung zu schwächen, bevor sie in den Besitz einer atomaren Abschreckung gelangen würden. Die Bush-Regierung setzte ihre Befürchtungen in den Golf-Krieg um, der erfolgreich Saddam Husseins Regierung schwächte. Zusätzlich schafften es die Regierungen von Bush und Clinton durch die Verhängung der schärfsten je eingesetzten Sanktionen, die Vereinten Nationen zu benutzen, um den Irak schwach und verletzbar zu halten. Tatsächlich zeigen alle bisher verfügbaren Beweise, daß der Irak nie wirklich in der Lage war, sein Atomwaffenprogramm wieder aufleben zu lassen.

Die Operation "Desert Storm" und die darauf folgende Operation "Iraqi Freedom" waren zu Israels Vorteil, da sie beide die Macht eines rivalisierenden Staates im Mittleren Osten verringerten. Da der Irak jetzt schwach und keine Bedrohung für die israelische Außenpolitik ist, ist der nächste mögliche mächtige Rivale für Israels Überlegenheit im Mittleren Osten der Iran. Tehran ist sich der irakischen Unfähigkeit, sowohl Israel als auch die Vereinigten Staaten an einem Angriff zu hindern, wohl bewußt und wird daher versuchen, seine militärischen Fähigkeiten bis zu einem Punkt auszubauen, wo sie in der Lage sind, Angriffe sowohl Israels als auch der Vereinigten Staaten abzuschrecken. Dies kann leicht anhand der jüngsten iranischen Bestrebungen gesehen werden, friedliche Atomenergie zu entwickeln, was nur ein Deckmantel für die zukünftige Entwicklung von Atomwaffen darstellt, wie es dies auch bei Israel in den 60ern der Fall war.

Während Israel sich dieser Bedrohung bewußt ist, hat es nicht die gleichen militärischen Möglichkeiten im Iran, wie es sie im Irak hatte. Erstens hat Israel aus dem Angriff auf Osirak gelernt, daß ein einfacher Luftschlag nicht ausreicht, um das Atomwaffenprogramm eines Landes zu zerstören. Der Angriff auf den Osirak-Reaktor zerstörte nicht die anderen Nukleareinrichtungen des Iraks; vor allem beschleunigte der Angriff nur Baghdads Bemühungen, Atomwaffen zu entwickeln. Die Iraner haben ihre Nukleareinrichtungen über das ganze Land verteilt, was es für Israel schwierig macht, dem iranischen Atomprogramm einen vernichtenden Schlag zuzufügen. Auch Irans physikalische Beziehung zu Israel ist wichtig. Während der Irak dicht an der israelischen Grenze liegt, liegt der Iran an der Ostgrenze des Iraks, weit entfernt von Israel. Ein Militärschlag Israels, ähnlich dem gegen den Osirak-Reaktor, würde größere Risiken aufgrund der Entfernung und der Größe des Irans beinhalten und hätte geringere Erfolgschancen.

Aufgrund dieser Tatsachen hat Israel die internationale Gemeinschaft gedrängt, an der Inspektion der iranischen Nukleareinrichtungen teilzunehmen. Während Iran mit den bisherigen Inspektionen einverstanden war, möchte Israel einen ununterbrochenen Druck auf die islamische Republik um so seine Möglichkeit, Atomwaffen zu entwickeln, zu verringern. Diese Strategie muß nicht komplett erfolgreich sein. Der Iran könnte weiterhin mit der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten und gleichzeitig sein Wissen und Potential für die Entwicklung und den Bau von Atomwaffen ausbauen. Es ist unwahrscheinlich, daß die internationale Gemeinschaft schwerwiegende Schritte gegen den Iran einleitet, selbst wenn sie das Land verdächtigt, Atomwaffen zu entwickeln. Es würde Einflußnahme und Druck von Seiten der Vereinigten Staaten benötigen, damit dies geschehen würde.

Mit dieser Überlegung im Hinterkopf hat Israel bei seinen ideologischen Alliierten in der Bush-Regierung wie dem stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz Lobbyarbeit betrieben. Sie hoffen, daß die Vereinigten Staaten auf den Iran Druck ausüben werden, genau wie sie es beim Irak getan haben. Tatsächlich ist es so, daß, sollte ein "Regimewechsel" im Iran stattfinden und das Land ebenso schwach werden wie es der Irak jetzt ist, dies auch im Interesse Israels wäre.

Unglücklicherweise für die Führung in Jerusalem, haben die außenpolitischen Falken in der Bush-Regierung, die Verbindungen zu israelischen Falken haben, in den letzten Wochen durch den Verlauf des Irakkriegs an Einfluß verloren. Nicht nur, daß sich ihre Anschuldigungen über ein irakisches Massenvernichtungswaffenprogramm bisher als falsch erwiesen haben, die Bush-Regierung hat es auch versäumt, Vorbereitungen für den Wiederaufbau des Iraks zu treffen. Eine unerwartete Zahl an amerikanischen Opfern, die Unfähigkeit, dem Land Ordnung und Kontrolle zu bringen und das Unvermögen, den irakischen Menschen eine Grundversorgung, beispielsweise mit Strom und Wasser, zu bieten haben alle zu einer Katastrophe der Öffentlichkeitsarbeit der Bush-Regierung geführt. Diese Fehler haben zu einer Schwächung der Regierung im eigenen Land gesorgt, was es für sie schwieriger macht, ihre radikaleren außenpolitischen Ziele wie die "Neuordnung" des Mittleren Ostens durchzusetzen. Außerdem ist sich Washington angesichts des Unvermögens, Stabilität im Irak zu erreichen, wohl bewußt, daß, sollten sie das Baghdader Modell in Tehran wiederholen, dies zu der gleichen Instabilität wie im Irak führen könnte, was ein vernichtender Schlag für die Ölproduktion im Mittleren Osten wäre.

Aus diesem Grund befindet Israel sich in einer schwierigen Lage. Während es nun, wo Saddam Hussein nicht mehr den Irak beherrscht und das Land unter amerikanischer Besatzung steht, beruhigter ist, ist es nun wegen des möglicherweise mächtigen Staates Iran besorgt. Nicht in der Lage, sich auf die internationale Gemeinschaft zu verlassen, um die israelischen Sicherheitsbedürfnisse zu verfolgen und vermutlich nicht in der Lage, sich auf die Vereinigten Staaten zu verlassen, werden sich die israelischen Führer entscheiden müssen, mit welchen Mitteln sie alle großen Bedrohungen für ihre regionale militärische und atomare Überlegenheit vernichten wollen. Sollte Israel sich in einer verzweifelten Situation befinden - zum Beispiel in der Mitte des Jahres 2004, bevor der iranische Reaktor in Bushehr seine Arbeit aufnimmt und die Umweltgefahren eines Angriffs zu groß würden - könnte es sich entschließen, die politischen und militärischen Gefahren zu riskieren und einen weiteren Präventivschlag gegen eine rivalisierende Macht im Mittleren Osten durchführen.




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