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Nachrichten, die man nicht überall findet.




Ein besetztes Land
22.09.2003


Howard Zinn

http://www.progressive.org/oct03/zinn1003.html







Es ist sehr schnell klar geworden, daß der Irak kein befreites Land ist, sondern ein besetztes Land. Wir haben uns im 2. Weltkrieg an den Begriff "besetztes Land" gewöhnt. Wir sprachen vom von Deutschland besetzten Frankreich, vom von Deutschland besetzten Europa. Und nach dem Krieg sprachen wir vom von der Sowjetunion besetzten Ungarn, der Tschechoslowakei, Osteuropa. Es waren die Nazis, die Sowjets, die andere Länder besetzten.

Jetzt sind wir die Besatzer. Es stimmt, wir haben den Irak von Saddam Hussein befreit, aber nicht von uns. Genau, wie wir 1898 Kuba von Spanien befreiten, aber nicht von uns. Die spanische Tyrannei wurde umgestürzt, aber die Vereinigten Staaten bauten eine Militärbasis auf Kuba auf, wie wir es auch jetzt im Irak tun. US-Unternehmen gingen nach Kuba, genau wie Bechtel und Halliburton und die Ölfirmen jetzt in den Irak gehen. Die Vereinigten Staaten entschieden, was für eine Verfassung Kuba haben sollte, genau, wie unsere Regierung jetzt eine Verfassung für den Irak entwirft. Keine Befreiung, eine Besetzung.

Und es ist eine abstoßende Besatzung. Am 7. August berichtete die New York Times, daß der US-General Ricardo Sanchez in Baghdad besorgt über die irakische Reaktion auf die Besatzung war. Irakische Führer, die pro-amerikanisch waren, machten ihm klar, wie er es ausdrückte, daß "Wenn man einen Vater vor den Augen seiner Familie nimmt und ihm einen Sack über den Kopf zieht und ihn auf den Boden wirft, dies einen erheblichen negativen Einfluß auf seine Würde und den Respekt in den Augen seiner Familie hat." (Das ist sehr scharfsinnig.)

CBS News berichtete am 19. Juli, daß Amnesty International eine Reihe von Fällen untersucht, in denen amerikanische Stellen der Folter verdächtigt werden. Einer dieser Fälle handelt von Khraisan al-Aballi, so CBS. "Als amerikanische Soldaten das Haus al-Aballis stürmten, schossen sie um sich. .. Sie schossen seinen Bruder Dureid an und verwundeten ihn." US-Soldaten nahmen Khraisan, seinen 80-jährigen Vater und seinen Bruder mit. "Khraisan sagt, daß seine Befrager ihn auszogen und ihn für über eine Woche wach hielten, entweder stehend oder auf den Knien, an Händen und Füßen gefesselt, mit einem Sack über dem Kopf", berichtete CBS. Khraisan sagte CBS, daß er seine Wärter informierte "Ich weiß nicht, was Sie wollen. Ich weiß nicht, was sie wollen. Ich habe nichts." Einmal "Bat ich sie, mich zu töten", sagte Khraisan. Nach acht Tagen ließen sie ihn und seinen Vater gehen. Paul Bremer, der US-Verwalter des Iraks, antwortete "Wir kommen tatsächlich unseren internationalen Verpflichtungen nach."

Am 17. Juni schrieben zwei Reporter für die Knight Ridder-Kette über das Gebiet um Fallujah: "In dutzenden von Interviews während den vergangenen fünf Tagen sagten die meisten Anwohner in dem Gebiet, daß es keine baathistische oder sunnitische Verschwörung gegen US-Soldaten gibt, daß es nur Leute gibt, die bereit sind zu kämpfen, weil ihre Angehörigen verletzt oder getötet worden sind oder sie selbst durch Hausdurchsuchungen und Straßenkontrollen gedemütigt wurden." Eine Frau sagte, nachdem ihr Mann wegen der leeren Holzkisten, die sie als Feuerholz gekauft hatten, mitgenommen worden war, daß die Vereinigten Staaten des Terrorismus schuldig sind. "Wenn ich irgendwelche amerikansichen Soldaten finde, werde ich ihnen die Köpfe abschneiden", sagte sie. Den Reportern zufolge "sagten Anwohner in At Agilia - ein Dorf nördlich Baghdads - daß zwei ihrer Bauern und fünf weitere aus einem anderen Dorf getötet wurden, als US-Soldaten auf sie schossen als sie ihre Felder von Sonnenblumen, Tomaten und Gurken bewässerten."

Soldaten, die in einem Land stationiert sind, von dem man ihnen gesagt hatte, daß sie als Befreier willkommen geheißen würden und erkennen, daß sie von einer feindlichen Bevölkerung umzingelt sind, werden ängstlich, schießwütig und unglücklich. Wir haben die Berichte von Soldaten gelesen, die wütend sind, weil sie im Irak bleiben müssen. Mitte Juli erzählte ein Reporter der ABC News im Irak, wie ein Unteroffizier ihn beiseite zog und zu ihm sagte: "Ich habe meine eigene ‚Liste der Meistgesuchten.'" Er bezog sich dabei auf das von der US-Regierung veröffentlichte Kartenspiel mit Saddam Hussein, seinen Söhnen und anderen gesuchten Mitgliedern des früheren irakischen Regimes. "Die Asse in meinen Spiel sind Paul Bremer, Donald Rumsfeld, George Bush und Paul Wolfowitz", sagte der Unteroffizier.

Solche Gefühle verbreiten sich jetzt in der amerikanischen Öffentlichkeit. Im Mai ergab eine Gallup-Umfrage, daß nur 13 Prozent der amerikanischen Öffentlichkeit glaubten, daß der Krieg schlecht verlief. Am 4. Juli lag die Zahl bei 42 Prozent. Ende August war sie bei 49 Prozent.

Dann ist da noch die Besatzung der Vereinigten Staaten. Ich wache am Morgen auf, lese die Zeitung und habe das Gefühl, daß wir uns in einem besetzten Land befinden, das von einer fremden Gruppe übernommen worden ist. Diese mexikanischen Arbeiter, die versuchen, über die Grenze zu kommen und bei dem Versuch sterben, den Einwanderungsbeamten zu entgehen (ironischerweise versuchen sie in ein Land zu gelangen, daß Mexiko von den Vereinigten Staaten im Jahr 1848 genommen worden war) - diese Arbeiter sind mir nicht fremd. Die Millionen von Menschen in diesem Land, die keine Staatsbürger sind und daher, aufgrund des Patriot Act, aus ihren Wohnungen gezerrt und unbegrenzt lange vom FBI festgehalten werden können, ohne jegliche verfassungsgemäßen Rechte - diese Menschen sind mir nicht fremd. Aber diese kleine Gruppe von Männern, die die Macht in Washington übernommen haben, sie sind mir fremd.

Ich wache auf mit dem Gedanken, daß sich dieses Land im Griff eines Präsidenten befindet, der nicht gewählt wurde, der sich mit Gangstern in Anzügen umgeben hat, die sich keinen Deut um menschliches Leben im Ausland oder hier scheren, die sich keinen Deut um Freiheit im Ausland oder hier scheren, die sich keinen Deut scheren, was mit der Erde, dem Wasser, der Luft geschieht. Und ich frage mich, was für eine Welt unsere Kinder und Enkel erben werden. Immer mehr Amerikaner bekommen wie die Soldaten im Irak das Gefühl, daß etwas schrecklich falsch ist, daß dies nicht das ist, wie wir möchten, daß unser Land ist.

Mehr und mehr werden die Lügen jeden Tag entblößt. Und dann ist da noch die größte Lüge: daß alles, was die Vereinigten Staaten tun, entschuldigt werden wird, weil wir uns in einem "Krieg gegen den Terrorismus" befinden. Dies ignoriert die Tatsache, daß Krieg selbst Terrorismus ist, daß das Hereinbrechen in die Wohnungen von Menschen und das Mitnehmen von Familienmitgliedern und sie zu foltern Terrorismus ist, daß das Einmarschieren und Bombardieren anderer Länder uns nicht mehr Sicherheit gibt sondern weniger.

Man bekommt ein Gefühl dafür, was diese Regierung mit "Krieg gegen den Terrorismus" meint, wennt man genau betrachtet, was Rumsfeld vor einem Jahr sagte, als er vor den NATO-Ministern in Brüssel sprach. "Es gibt Dinge, die wir wissen", sagte er. "Und dann gibt es bekannte Unbekannte. Das soll heißen, daß es Dinge gibt, von denen wir wissen, daß wir sie nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannte. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, daß wir sie nicht wissen. .. Das heißt, daß die Abwesenheit von Beweisen nicht der Beweis der Abwesenheit ist... Nur weil man keinen Beweis dafür hat, daß etwas existiert, heißt das nicht, daß man einen Beweis dafür hat, daß es nicht existiert."

Nun, Rumsfeld hat uns die Dinge wirklich verdeutlicht.

Das erklärt, warum diese Regierung, ohne genau zu wissen, wo die Kriminellen des 11. September zu finden sind, einfach loszieht und in Afghanistan einmarschiert und es bombardiert und dabei Tausende von Menschen tötet, Hunderttausende aus ihren Häusern vertreibt und immer noch nicht weiß, wo die Kriminellen sind.

Das erklärt, warum die Regierung, ohne wirklich zu wissen, welche Waffen Saddam Hussein versteckt, in den Irak einmarschiert und ihn bombardiert, zum Schrecken fast der ganzen Welt, und dabei Tausende von Zivilisten und Soldaten tötet und die Bevölkerung terrorisiert.

Das erklärt, warum die Regierung, ohne zu wissen, wer ein Terrorist ist und wer nicht, Hunderte von Menschen in Guantanamo gefangenhält unter Bedingungen, die 20 zu Selbstmordversuchen getrieben haben.

Das erklärt, warum der Justizminister, ohne zu wissen, welche Ausländer Terroristen sind, 20 Millionen von ihnen ihre verfassungsmäßigen Rechte nehmen will.

Der sogenannte Krieg gegen den Terrorismus ist nicht nur ein Krieg gegen unschuldige Menschen in anderen Ländern, er ist auch ein Krieg gegen das Volk der Vereinigten Staaten: ein Krieg gegen unsere Freiheiten, ein Krieg gegen unseren Lebensstandard. Der Reichtum des Landes wird den Menschen gestohlen und den Superreichen gegeben. Das Leben unserer Jugend wird gestohlen Und die Diebe sitzen im Weißen Haus.

Ich finde es interessant, daß Umfragen unter Afro-Amerikanern beständig eine 60-prozentige Ablehnung des Irakkriegs zeigen. Kurz nachdem Colin Powell seinen Bericht über "Massenvernichtungswaffen" vor den Vereinten Nationen vorgetragen hatte, machte ich ein Telephoninterview mit einem afro-amerikanischen Radiosender in Washington in einer Sendung mit dem Namen "GW on the hill." Nach meinem Gespräch mit dem Moderator gab es acht Anrufe. Ich machte mir Notizen, was die Anrufer sagten.

John: "Was Powell gesagt hat, war politischer Müll."

Ein anderer Anrufer: "Powell hat nur das Spiel gespielt. Das passiert, wenn Leute hohe Ämter bekommen."

Robert: "Wenn wir in den Krieg ziehen werden unschuldige Menschen ohne einen guten Grund sterben."

Kareen: "Was Powell gesagt hat war Quatsch. Krieg wird für dieses Land nicht gut sein."

Susan: "Was ist so gut daran, ein mächtiges Land zu sein?"

Terry: "Es geht nur ums Öl."

Ein weiterer Anrufer: "Die USA sind auf der Suche nach einem Imperium und es wird fallen wie das der Römer. Man denke nur an den Kampf von Ali gegen Foreman. Er sah aus, als würde er schlafen, aber als er erwachte, war er wild. So wird das Volk aufwachen."

Man hört häufig, daß diese Regierung mit dem Krieg davonkommen wird, weil die Opferzahlen anders als in Vietnam niedrig sind. Stimmt, nur ein paar Hundert Kampfopfer, anders als Vietnam. Aber Kampfopfer sind nicht alles. Wenn Kriege zu Ende sind steigen die Opferzahlen weiter - Krankheit, Trauma. Nach dem Vietnamkrieg berichteten Veteranen von Geburtsfehlern in ihren Familien aufgrund des Einsatzes von Agent Orange in Vietnam. Im ersten Golfkrieg gab es nur ein paar Hundert Kampfopfer, aber die Verteranenverwaltung berichtete kürzlich, daß in den zehn Jahren nach dem Golfkrieg 8.000 Veteranen gestorben sind. Ungefähr 200.000 der 600.000 Veteranen des ersten Golfkriegs haben Beschwerden wegen Erkrankungen eingereicht, die von Waffen hervorgerufen wurden, die unsere Regierung in den Krieg einsetzte. Wieviele der jungen Männer und Frauen, die von Bush zur Befreiung des Iraks entsendet wurden, werden mit ähnlichen Erkrankungen nach Hause kommen?

Was ist unsere Aufgabe? Auf all das hinzuweisen.

Menschen unterstützen normalerweise nicht Gewalt und Terror. Sie tun dies nur, wenn sie glauben, ihr Leben oder ihr Land sei in Gefahr. Diese waren im Irakkrieg nicht in Gefahr. Bush log das amerikanische Volk über Saddam und seine Waffen an. Und wenn die Menschen die Wahrheit erfahren - wie es im Verlauf des Vietnamkriegs geschehen ist - werden sie sich gegen die Regierung wenden. Wir, die für den Frieden sind, haben die Unterstützung des Rests der Welt. Die Vereinigten Staaten können nicht unbegrenzt die zehn Millionen Menschen ignorieren, die am 15. Februar demonstrierten. Die Macht einer Regierung - egal, welche Waffen sie besitzt, egal, wieviel Geld ihr zur Verfügung steht - ist zerbrechlich. Wenn sie ihre Berechtigung in den Augen der Menschen verliert, sind ihre Tage gezählt.

Wir müssen uns auf jegliche gewaltfreie Art engagieren. Keine Tat ist zu gering, keine Tat ist zu gewagt. Die Geschichte sozialer Veränderungen ist die Geschichte von Millionen von Handlungen, kleinen und großen, die an entscheidenden Punkten zusammentreffen und eine Macht erzeugen, die die Regierung nicht unterdrücken kann. Wir befinden uns heute selbst an einem dieser entscheidenden Punkte.




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